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Eine Meisterin der Schwerkraft und Medizinphysik

Ralph Schröder, 15.07.2021
Die Kombination ist ungewöhnlich: eine habilitierte Medizinphysikerin, die Pole Sports betreibt. Doch genau das tut PD Dr. Jatta Berberat, 41-jährig, verheiratet, zwei Töchter und seit 2009 am KSA.

Als studierte Physikerin kennt sie die Gesetze der Schwerkraft. Dass sie die auch berechnen kann, steht ausser Frage. Dass sie sie aus eigener Kraft für Momente ausser Kraft setzen kann, klingt eher unglaubhaft. Doch Jatta Berberat kann beides: Als Medizinphysikerin beherrscht sie hochkomplexe Rechenoperationen, als Luftakrobatin bringt sie ihren Körper aus eigener Kraft in die Waagerechte, beides mit einer bewundernswerten Leichtigkeit. Wer sie im Studio an der Stange schweben sieht, traut seinen Augen nicht. Wer ihr zuhört, wenn sie erklärt, wie sie z.B. aus den Daten der Magnetresonanz-Bildgebung Nervenbahnen selektieren und sichtbar machen kann, ist fasziniert. Die Energie und Leidenschaft, mit der Jatta Berberat sowohl ihren Beruf als auch ihr Hobby betreibt, ist omnipräsent und
spürbar. Ohne Ehrgeiz und Willenskraft sind solche Leistungen kaum denkbar, doch bei Jatta wirkt alles unbeschwert und natürlich, ihre Freude ansteckend, ihr Wesen offen. Ihr finnischer Charme sorgt für den Rest, dass, wer ihre Gegenwart teilt, sich sofort wohl fühlt.

Was Jatta Berberat kann, können nicht viele. Dass sie im KSA tätig ist, ist ein Glücksfall, ihr Weg in die Schweiz eher eine Fügung, bei der auch Amor seine Hände im Spiel hatte. 1979 in Mikkeli, rund 200 km nordöstlich von Helsinki geboren, wächst Jatta in naturverbundener Umgebung auf. Sportliche Aktivitäten in der Natur, das Reiten auf Pferden zum Beispiel, begleiten sie von früh an. Tierärztin will sie als junges Mädchen zunächst werden, entscheidet sich dann aber nach der Matura doch für Physik; ihr damaliger Physiklehrer hatte ihre bis heute währende Leidenschaft für das Fach geschürt. Die Zeit bis zum Beginn ihres Studiums überbrückt sie als eine der ersten Frauen ihres Landes mit dem Absolvieren eines einjährigen Militärdienstes. Die Begegnung mit ihrem späteren Doktorvater als junge
Forschungsassistentin an der Universität Kuopio stellte dann die Weichen Richtung Schweiz.

Ich mag Herausforderungen, den speziellen Kick, ob im Beruf oder beim Sport.

Ein durch ihn initiierter Forschungsaufenthalt in Bern im Sommer 2002 trieb sie indirekt in die Arme ihres künftigen und heutigen Ehemannes. Das finnische
Flachland gewohnt, faszinierten sie von Anfang an die Schweizer Berge. Wagemutig und immer für Neues zu haben, entschloss sie sich, einen Tandem Gleitschirmflug zu machen und lernte dabei auch ihren Mann kennen und lieben. Danach ging es Schlag auf Schlag, und wie das Leben so spielt, alles ein wenig
anders als geplant. Schwangerschaft und Masterabschluss in Finnland, Geburt der ersten Tochter. Ein Jahr später dann der endgültige Entschluss, mit ihrem Mann in die Schweiz zu ziehen, der zwischenzeitlich mit ihr in Finnland gelebt hatte. Es folgt die Geburt der zweiten Tochter, der Abschluss der Doktorarbeit
(im Fernstudium). Die gleichzeitigen Herausforderungen – als junge Mutter mit zwei kleinen Töchtern, neue Sprache, neues Land, neue Umgebung – scheint Jatta mit ihrer grenzenlosen Energie zu meistern. 2009 sucht das KSA einen oder eine Medizinphysikerin für die Radioonkologie. Jatta bewirbt sich zunächst auf die Stelle, übernimmt aber wenig später aufgrund ihrer Spezialausbildung als Medizinphysikerin für quantitative Bildgebung die Position als Leitende MR-Physikerin unter Prof. Dr. Luca Remonda in der Neuroradiologie. Zum Pole Sports oder zur Luftakrobatik, wie Jatta ihren kräfteraubenden Ausgleichsport nennt, ist sie zunächst
aus gesundheitlichen Gründen gekommen. Mehrere Bandscheibenvorfälle nach der Geburt ihrer zweiten Tochter zwingen die stets Sport treibende Jatta, nach einer Sportart Ausschau zu halten, die ihre Rumpfmuskulatur stärkt. Mehr zufällig lässt sie sich zu einem Probetraining überreden und war von Beginn weg begeistert. Die Mischung aus Ausdauer und Kraft, von akrobatischen und tänzerischen Elementen, die extreme Koordination von Körper und Geist, die dieser Sport verlangt, sind genau das, was Jatta Berberat bis heute beim täglichen Training an der Stange so faszinieren. Im Pole Sports scheinen bei Jatta Berberat Physik und
Physis zu verschmelzen.

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