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Hebammengeleitete Geburtshilfe kennenlernen

Nora Stamm, 20.04.2022
Ein Praktikum in der ausserklinischen Geburtshilfe prägt den Werdegang zur Hebamme. Die frisch ausgebildete Nora gibt uns Einblicke in diesen spannenden Beruf.

«Individualität, Sicherheit und Abenteuer»

Das ist das, was die ausserklinische Geburtshilfe für mich bedeutet. Ich bin Nora Stamm, und mittlerweile geht es nur noch knapp drei Monate, bis ich fertig ausgebildete Hebamme sein werde. Ich durfte im letzten Herbst zehn Wochen lang die freipraktizierenden Hebammen des Geburtshaus Nordstern in Aarau begleiten. Das Nordstern oder ganz schlicht H44 ist schweizweit eines der einzigen Geburtshäuser auf einem Spitalcampus. Das Haus steht den zwölf Hebammen zur Verfügung. Es arbeiten keine Ärztinnen/Ärzte dort und einen Schichtplan gibt es auch nicht. Kommt es zu einer Verlegung oder einem Notfall, ist die Frauenklinik nur gerade drei Gehminuten entfernt. Jede Hebamme hat ausserhalb des Geburtshauses ihre eigene Praxis und «die eigetä Frouä». Wenn eine Geburt ansteht, geht die Frau mit «dr eigetä Hebammä» ins Geburtshaus und eine Zweit­hebamme kommt zur Geburt dazu. Eben diese Zweithebamme war ich häufig. Am Tag führte ich Schwangerschaftskontrollen oder Wochenbettbesuche durch, und in der Nacht erhielt ich oft einen Telefonanruf: «Du Nora, i hane Zwöitgebärendi mit föif Zentimeter, chasch cho?» Anziehen, Gesicht waschen, ab aufs Motorrad und zur Geburt. So ein Hebammenalltag ist abwechslungsreich, spannend und ganz schön anstrengend.
 

Eine Geburtshilfe, die Sinn macht

Ich habe einen tiefen Einblick in eine Geburtshilfe erhalten, die unglaublich viel Sinn macht. Durch die fortlaufende und umfassende Begleitung werden schwangere Frauen individuell beraten und auf die Geburt vorbereitet. Während der Geburt im Geburtshaus kommt es zu keinerlei medizinischen Interventionen, was sich positiv auf das Krankenkassenbudget auswirkt. Auch die Kaiserschnitte, welche den Kanton und somit die Steuerzahler*innen deutlich finanziell belasten, sind sehr gering. Es kommen im Nordstern 73% Kinder vaginal zur Welt. Sprich die Verlegungsrate liegt bei 27%. Von den 27% verlegten Frauen sind dann 19,4% vaginal und 7,6% der Kinder per Sectio in der Frauenklinik auf die Welt gekommen. Deshalb macht die Geburtshilfe im Geburtshaus auch finanziell Sinn.

Sicherheit geben

Ich habe im ersten Satz geschrieben, dass für mich die ausserklinische Geburt Sicherheit bedeutet. Aber man hört doch überall, dass es im Spital am sichersten sei? Das «Swiss Cheese Model»1 liefert für mich einen guten Erklärungsansatz. Kurz gesagt ist es doch so: je mehr Schnittstellen in einem Prozess vorhanden sind, desto grösser ist das Risiko für Behandlungsfehler. Im Spitalsetting gibt es pro Frau mehr Schnittstellen, als wenn sie von einer Hebamme durch die gesamte Zeit begleitet wird. Deshalb erachte ich die Sicherheit in der hebammengeleiteten Geburtshilfe als sehr hoch. Auch das individuelle Beraten und Handeln hat einen grossen Einfluss auf die Sicherheit. Individuelle Sicherheit ist das Stichwort. Das bedeutet, genau einzuschätzen, wann Physiologie und wann Pathologie vorliegt. Und darin sind die Geburtshaushebammen richtig gut.
 

Eigenständig arbeiten?

Es ist eine grosse Entscheidung, den Hebammenberuf auf diese Weise auszuüben, aber ich denke, es lohnt sich. Es lohnt sich, so­lange gewisse Bedingungen eingehalten werden. Dazu gehört das Aufteilen des Pikettdienstes. Es ist essenziell wichtig, ein bis zwei Kolleginnen zu haben, welche die Vertretung übernehmen. Das ­Abschalten fällt schwer, gerade auch, weil die Beziehung zu den Frauen enger ist. Ich war in meiner Praktikumszeit nie ganz frei von der Arbeit. Das liegt zum einem daran, dass ich diesen Beruf absolut faszinierend finde und zum anderen, weil ich nicht einfach bei Schichtende nach Hause gehen kann.
 

Lohn für die Arbeit

Ein anderer Punkt ist die Bezahlung. Schwangerschaftskontrollen lohnen sich finanziell, wenn sie nicht länger dauern als 30 Minuten. Jede Hebamme weiss, dass eine Kontrolle meistens mindestens 60 Minuten dauert. Auch Telefongespräche können nicht abgerechnet werden. Ich verstehe nicht, wie es heutzutage noch möglich sein kann, dass Arbeit nicht bezahlt wird.
 

Das unzensierte Dasein erleben

Es gibt für mich zwei Dinge, die sich stark vom klinischen Alltag unterscheiden. Zum einen die Begleitung in der letzten Zeit vor der Geburt, und zum anderen der tiefe Einblick in das menschliche, ganz unzensierte Dasein. Die Frauen und Paare werden in den letzten vier Wochen vor der Geburt so gut auf die Niederkunft vorbereitet, dass beim eigentlichen Ereignis alle Fragen, Wünsche und Ängste bekannt sind. Auch der Körper der Frau wird genau angeschaut und wenn nötig werden Tipps und Tricks gezeigt. Seit ich wieder im Spital arbeite merke ich, dass die Paare oft sehr unwissend sind. Und es bleibt mir viel zu wenig Zeit, um aufzuklären. Ich arbeite dann mit dem, was ich habe und versuche, so gut es geht «z gspüre was si bruche». Was meine ich mit menschlichem, unzensiertem Dasein? Es sind die Bilder von wunden Brustwarzen und Schmerzen beim Stillen, von mit dreckigem Geschirr überfüllten Küchen, von Waschmaschinen voller Stoffwindeln und von älteren Geschwisterkindern, die eifersüchtig auch noch den Alltag auf den Kopf stellen. All das ist komplett normal für die erste Zeit nach der Geburt und doch wird darüber kaum gesprochen. Als freipraktizierende Hebamme ist dieser Alltag normal. Wenn mir der/die Partner*in um 10 Uhr, noch im Pyjama, die Tür öffnet, bin ich froh. Denn es be­deutet, dass sich die Familie um das Wichtigste kümmert, nämlich um das neue, kleine Lebewesen, das eben erst auf die Welt ge­kommen ist.
Ich danke allen meinen Berufskolleginnen für das, was sie tagtäglich leisten. Wir Hebammen haben nicht nur einen schönen Beruf, sondern eine wundervolle Berufung.
 

Erstabdruck des Artikels von Nora Stamm in der «Obstetrica», Ausgabe 04/2022, siehe auch https://obstetrica.hebamme.ch/de/profiles/3f957b8ee011-obstetrica/editions/obstetrica-4-2022/pages/page/10

Geburtshilfe und Perinatalmedizin

Schwanger? – Wir sind immer für Sie da.

Die Geburt eines Kindes ist für uns ein wundervolles und einzigartiges Ereignis.

Es ist wichtig, dass jede Geburt respektvoll, individuell und möglichst schonend betreut wird. Das gilt für jede schwangere Frau. Die langfristige Gesundheit von Mutter und Kind sowie das Wohl der ganzen Familie stehen bei uns im Mittelpunkt. Es ist uns wichtig, Sie so gut wie möglich auf Ihr neues Elterndasein vorzubereiten. Deswegen nehmen wir uns Zeit für Ihre Bedürfnisse und Wünsche. Unser ÄrztInnen- und Hebammen-Team wird Sie vor, während und nach der Geburt professionell und einfühlsam betreuen.

Die Abteilung Geburtshilfe und Perinatal Medizin ist immer für Sie da: Von der individuellen Begleitung und Betreuung bei risikoarmen Geburten bis zur hochkomplexen, medizinischen Versorgung bei aussergewöhnlichen Geburtssituationen, wie etwa Frühgeburten. Auch bei Steisslagen und Zwillingsgeburten stehen wir Ihnen mit unserer Fachkompetenz und langjährigen Erfahrung beiseite.

Zur Geburtshilfe und Perinatalmedizin

Autor*in

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Studentin Hebamme BSc

Nora Stamm ist Studentin Hebamme BSc an der Berner Fachhochschule in Bern. Sie hat 2021 im Rahmen ihres Studiums ein zehnwöchiges Praktikum im Geburtshaus Nordstern in ­Aarau absolviert.