Lesedauer: 6 minutes

Lymphödem: Schmerzlinderung dank chirurgischem Eingriff

KSA, 03.08.2022
Dank einer mikrochirurgischen Operation können die durch ein Lymphödem verursachten Beschwerden massiv reduziert werden. Wie das geht, lesen Sie im Interview mit Prof. Dr. med.
Jan Plock.

Was ist ein Lymphödem?

Prof. Dr. med. Jan Plock, Chefarzt Plastische Chirurgie und Handchirurgie im KSA: Der Mensch hat zahlreiche Lymphgefässe, die dabei helfen, abgestorbene Zellen, Eiweiss- und Fremdkörper, Bakterien, Fette und Stoffwechselendprodukte aus dem Körper zu transportieren. Lymphgefässe befördern täglich bis zu zwei Liter Flüssigkeit in das Venensystem. Ist der Abfluss dieser Lymphflüssigkeit gestört, können sich Schwellungen unter der Haut bilden – sogenannte Lymphödeme.

Wodurch kann der Abfluss der Lymphflüssigkeit gestört werden?

Man unterscheidet zwischen primärem und sekundärem Lymphödem. Ersteres ist angeboren und ist eher selten. Sekundäre Lymphödeme machen mehr als 90 Prozent der Fälle aus und entstehen meist dann, wenn beispielsweise während einer Operation oder einer Bestrahlung Lymphgefässe beschädigt wurden.

Wer ist besonders häufig davon betroffen?

Von primären Lymphödemen sind vor allem Frauen betroffen. Sekundäre Lymphödeme können bei Männern und Frauen vorkommen, aber auch hier zeigt sich eine gewisse Häufung nach Brustkrebserkrankungen bei Frauen.

Welche Symptome spüren die Betroffenen?

Aufgrund des gestörten Lymphabflusses bleibt das Wasser im Gewebe und staut sich dort an. Das passiert nicht von heute auf morgen, sondern kann sich über Jahre hinweg verschlimmern. Grundsätzlich unterscheidet man zwischen drei Stadien: Im Stadium eins ist bereits eine Schwellung erkennbar, diese lässt sich aber in der Regel durch Hochlagern der Extremitäten zurückbilden oder durch Lymphdrainage sehr positiv beeinflussen. Bei der nächsten Stufe staut sich die Gewebeflüssigkeit bereits dauerhaft, und es bildet sich zusätzliches Bindegewebe, das immer mehr verhärtet. Das führt dazu, dass die Schwellung auch beim Hochlagern der Arme oder Beine nicht mehr ganz abklingt. Die höchste Stufe, Stufe drei, wird auch als Elefantiasis bezeichnet. In diesem Stadium hat sich die Haut schon massiv verdickt und verhärtet. Es kann zudem zu warzenartigen Wucherungen, Verfärbungen und gestörtem Nagelwachstum kommen.

Können sich diese Patientinnen und Patienten noch bewegen?

Tatsächlich ist die Mobilität dieser Patientinnen und Patienten vielfach extrem eingeschränkt. Zudem sind die Betroffenen auf sehr regelmässige Lymphdrainagen und Kompressionen angewiesen, um die Schmerzen zu lindern.

Sind Lymphödeme gefährlich?

Lymphödeme sind an sich nicht gefährlich, nein. Allerdings ist insbesondere in fortgeschrittenen Stadien häufig die Barrierefunktion der Haut gestört, wodurch Entzündungen und Infektionen begünstigt werden. Auch die Beweglichkeit ist häufig eingeschränkt, sodass es zu Fehlbelastungen kommt.

Wie lassen sich Lymphödeme behandeln?

Zuerst werden konservative Methoden eingesetzt. Mithilfe von Kompressionsstrümpfen oder Bandagen kann beispielsweise der Abtransport der Gewebeflüssigkeit angeregt werden. Mit der Lymphdrainage, einer speziellen Massagetechnik, wird durch manuelle oder physikalische Stimulation das Gewebe entstaut. Auch Bewegungstraining und spezielle Hautpflege wirken sich positiv auf den Krankheitsverlauf aus.

Und was, wenn das nicht ausreichend hilft?

Tatsächlich bringen diese Behandlungsmethoden ab einem gewissen Schweregrad nicht genug Erleichterung. Ausserdem sind sie sehr zeitintensiv und unangenehm. Kurzum: Die Lebensqualität der Betroffenen wird massiv eingeschränkt. In diesem Fall kann sich ein mikrochirurgischer Eingriff als Teil eines Behandlungsplans lohnen.

Was wird dabei gemacht?

Das kommt auf das Stadium der Erkrankung an. So können beispielsweise unterbrochene Bahnen durch eine Umleitung von Lymphgefässen einer gesunden Körperregion ersetzt werden. Abhängig von der Ausgangslage kann es auch sinnvoll sein, ganze Lymphknoten aus einer gesunden in eine geschädigte Region zu transplantieren. In jedem Fall ist der Eingriff sehr aufwendig, weil die Gefässe so klein sind, dass sie unter dem Mikroskop behandelt werden müssen. Da aber keine lebenswichtigen Organe tangiert sind, verkraften die meisten Patientinnen und Patienten den Eingriff sehr gut und haben wenig Schmerzen.

Mit welchen Nachwirkungen müssen die Betroffenen rechnen?

Die mehrstündige Narkose ist für den Körper natürlich belastend. Die meisten Patientinnen und Patienten erholen sich aber nach wenigen Tagen wieder. Insbesondere bei fortgeschrittenen Lymphödemen ist zudem eine längere Reha angezeigt, um eine optimale Wundheilung zu garantieren und wieder mobil zu werden. 

Dieser Eingriff wird nicht an vielen Spitälern angeboten, richtig?

Das stimmt. Das Kantonsspital Aarau ist derzeit eines von nur drei Zentren in der Schweiz, in denen dieser Eingriff durchgeführt wird. Und das, obschon damit wirklich hervorragende Resultate erzielt werden können. Erst kürzlich hat eine Patientin innerhalb von nur einer Woche nach der Operation über 30 Kilogramm Flüssigkeit verloren. Auch die Krankenkassen haben den Wert und die Notwendigkeit dieser Eingriffe mittlerweile anerkannt und decken seit letztem Sommer die Kosten für diese Behandlungsmethode.

10 Tipps für den Umgang mit Lymphödemen

Das Leben mit Lymphödemen ist beschwerlich. Es gibt jedoch einige Dinge, die Sie tun können, um die Beschwerden zu lindern. Die Lymphödem-Vereinigung Schweiz hat die wichtigsten Tipps zusammengefasst:

  • Vermeiden Sie starke Hitze und Kälte
  • Bleiben Sie in Bewegung
  • Tragen Sie keine einengende Kleidung
  • Pflegen Sie Ihre Haut mit feuchtigkeitsspendenden Produkten
  • Vermeiden Sie Verletzungen aller Art
  • Vermeiden Sie Übergewicht
  • Lagern Sie die betroffenen Extremitäten regelmässig hoch
  • Vermeiden Sie langes Sitzen oder Stehen
  • Atmen Sie mehrmals täglich tief ein
  • Verhindern Sie eine Überanstrengung der betroffenen Gliedmassen
     

Patientengeschichte

«Meine Beine fühlen sich viel leichter an»

Lucia M. leidet schon seit ihrer Jugend an stark geschwollenen und schmerzenden Beinen. «Im Sommer quälten mich vor allem meine Füsse. Es war eine Tortur», erklärt sie. Dieses Jahr wurde bei ihr dann ein Lymphödem diagnostiziert. Diesen Frühling entschied sich die 32-Jährige dazu, dieses operativ behandeln zu lassen. Einige Tage vor dem Eingriff wurde eine Fluoreszenzdarstellung der Lymphgefässe durchgeführt. «Dafür musste man mir Kontrastmittel in den Fuss spritzen. Das hat etwas gebrannt, war aber aushaltbar», erklärt sie. Der Hochpräzisionseingriff dauerte dann ganze fünf Stunden. Obschon Lucia M. anschliessend unter leichter Müdigkeit und Übelkeit litt – Schmerzen und Beschwerden hatte sie kaum. Es folgten drei Wochen Reha. «Dort gab es zweimal täglich eine Lymphdrainage, und auch bandagiert wurde jeden Tag», erzählt die Patientin. Doch die Behandlung zeigt Wirkung: Innert kurzer Zeit verlor die Patientin fast drei Kilo Flüssigkeit. Auch die Schmerzen und Schwellungen sind kurz nach der Operation abgeklungen. «Meine Beine fühlen sich viel leichter an, und auch das Gehen ist einfacher geworden», erzählt sie und ergänzt: «Es ist noch ein langer Weg, aber der Eingriff hat sich schon jetzt absolut gelohnt.»

 

Patientengeschichte

«Ich habe 40 Kilogramm Flüssigkeit verloren»

Es war ein Vorhofflimmern, das bei Barbara G. zum Zufallsbefund Lymphödem geführt hat. Bis dahin ging ihr Hausarzt davon aus, dass die Beine der 70-Jährigen aufgrund falscher Ernährung immer dicker würden, und riet ihr deshalb zu einem Magenbypass. «Ich wunderte mich über die Diagnose, da ich oben Kleidergrösse 46 trug, während ich unten nicht einmal mehr in eine 66 reinpasste», erinnert sich Barbara G. Aufgrund persönlicher Schicksalsschläge und Covid-19 vertagte die Patientin den Eingriff. Mit schwerwiegenden Folgen. Barbara G.s Beine schwollen immer mehr an und entzündeten sich noch dazu stark. «Es fühlte sich an, wie wenn ich Sandsäcke an den Beinen hängen hätte. Ich konnte kaum noch gehen.» Dann die Kehrtwende: Barbara G. lässt ihre beschädigten Lymphgefässe während einer siebenstündigen Operation behandeln. Als sie sich nach dem Eingriff auf die Waage stellt, trifft sie fast der Schlag: «Ich habe direkt nach der Operation bereits 24 Kilogramm weniger gewogen. Heute, zwei Monate später, sind es schon 40 Kilogramm und es sollen noch mehr werden.» Für Barbara G. hat ein neues Leben begonnen: «Ich habe keine Schmerzen mehr, kann endlich wieder richtig sitzen und gehen. Ich bin einfach nur dankbar, dass ich diesen Eingriff gemacht habe.»

Autor*in

Profile picture for user ksaksa
Redaktion

Das Spital mit Kopf, Hand und Herz

Zu unserer Website