Lesedauer: 4 minutes

Retten ist unsere Passion

del Deo Serena, 06.01.2022
Zu viel Alkohol. Covid-19-Notfall. Kreislaufkollaps. Dirk Huwiler und Benjamin Gross sind Tag und Nacht unterwegs. Im Zwölfstundeneinsatz mit den beiden Aargauer Rettungssanitätern.

Die Arbeit von Dirk Huwiler, 45, und Benjamin Gross, 29, beginnt früh. Um 6.30 Uhr auf der Wache des Rettungsdiensts des Kantonsspitals Aarau (KSA).
Huwiler, dreifacher Familienvater aus Nussbaumen, und sein Arbeitskollege aus Brugg ziehen ihre Einsatzkleider an. Die Aargauer sind Rettungssanitäter und Experten in Anästhesiepflege, Huwiler ist beim Rettungsdienst zudem Leiter Aus- und Fortbildung.

7 Uhr. Morgenrapport auf der Wache. Neben Huwiler und Gross nehmen auch die anderen fünf Zweierteams teil. Um 7.35 Uhr surrt Huwilers Pager, die Sanitätsnotrufzentrale Aargau (SNZ) meldet: Schöftland, P2, psychischer Notfall. Sofort fahren die beiden mit ihrer Ambulanz los. Bei P2-Einsätzen besteht kein dringender Verdacht, dass lebenswichtige Funktionen beeinträchtigt sind. Über die Telefonnummer 144 hat eine Frau die Sanitätsnotrufzentrale alarmiert: Ein Nachbar braucht Hilfe, er habe psychische Probleme und seit Tagen viel Alkohol getrunken. 

Als die Retter die Wohnung betreten, sitzt der 57-Jährige orientierungslos auf einem Stuhl. Die Retter nehmen eine Ersteinschätzung des  Patienten vor, nach dem ABCDE- Schema. So können sie feststellen, ob eine lebensbedrohliche Situation vorliegt und wie diese zu behandeln ist. Gross überprüft unter anderem: Sind die Atemwege frei? Wie atmet der Patient? Ist er neurologisch beeinträchtigt? Dann begleiten die Retter den wankenden Mann zum Rettungswagen. Auf der Fahrt in die Notfallstation sitzt Gross neben ihm und betreut ihn, er schreibt den Einsatzrapport. Diesen übergibt er um 8.35 Uhr dem KSA-Notfallpersonal.

Was kostet ein neuer Rettungswagen?

385 000 Franken kostet ein neuer Rettungswagen samt Geräten und Verbrauchsmaterial. Seine Herzstücke: Trage, Patientenmonitor, Beatmungsgerät, Notfallrucksack, Bergungsmaterial und Kommunikationsmittel. Geplant ist eine elektronische Dokumentation der Einsätze.

Kafipause auf der Wache. «Ich gehöre zum Inventar hier», sagt Dirk Huwiler in seiner ruhigen Art und lacht – seit 16 Jahren arbeitet er als Retter beim KSA. Vier Schichten à zwölf Stunden macht ein Rettungssanitäter wöchentlich, pro Schicht gibts im Durchschnitt sechs Einsätze. «Kindernotfälle belasten am meisten. An diese gewöhnt man sich nie.» Vor Kurzem hat Huwiler mit Biken begonnen, «ein zusätzlicher Ausgleich, der mir hilft».

Belastende Situationen verarbeiten Rettungssanitäter, indem sie mit Arbeitskollegen darüber reden und die Einsätze nochmals durchgehen. Um möglichen posttraumatischen Stress abzubauen, kann jeder auch das interne Peer-Team kontaktieren. Dieses besteht aus Berufskollegen mit einer psychologischen Zusatzausbildung. In Anspruch genommen hat einen Peer vor Kurzem ein Mitarbeiter der SNZ: Dieser nahm einen Notruf entgegen, bei dem es um eine schwer verletzte Jugendliche ging. Per SMS schickte er dem Anrufer einen Link der Software Emergency Eye: So kann er über die Handykamera des Anrufers sehen, was am Unfallort passiert und noch besser Erste-Hilfe-Anweisungen geben. Die Bilder vor Ort erschreckten sogar den erfahrenen Berufsmann. Auch eine Kinderärztin war schon froh um das interne Care-Team – nachdem sie im Isolettenfahrzeug ein Frühchen transportiert hatte und unterwegs bei einem brennenden Auto mit einem Rettungsteam Erste Hilfe leistete.

«Kindernotfälle belasten am meisten. An diese gewöhnt man sich nie.»

9.05 Uhr, Huwilers Pager surrt: Verlegung eines Covid-19-Patienten vom Spital Rheinfelden AG ins Bürgerspital Solothurn. In Rheinfelden informiert der zuständige Arzt die Retter: Der 67-jährige Patient ist schwer an Covid-19 erkrankt, «er hat eine ausgeprägte Atemnot, sein Zustand ist  kritisch». Die Angehörigen wollen, dass der Patient auf eine Intensivpflegestation (IPS) verlegt wird. In Solothurn ist noch ein einziges IPS-Bett frei. Die Rettungssanitäter ziehen ihre Corona-Ausrüstung an – Schutzmantel, FFP2-Maske, Schutzbrille und bereiten den Kranken für den Transport vor. Sie müssen die Beatmungsmethode umstellen: Hier im Spital erhält der Patient 60 Liter Luft pro Minute – «High Flow, eine riesige Menge», so Huwiler. «In der Ambulanz können wir aus technischen Gründen nur 15 Liter pro Minute verabreichen.» Plötzlich kommt aus Solothurn die Meldung: «IPS-Bett besetzt!» Frust macht sich breit. Ein Spitalangestellter sucht ein anderes IPS-Bett, die Rettungssanitäter müssen warten. Nach 45 Minuten endlich die Nachricht: «Der Patient kann nach Olten verlegt werden!»

Die Rettungssanitäter machen den Kranken transportfähig, es eilt! Mit ihrer fahrbaren Trage stossen sie ihn in die Ambulanz, stets ganz nah bei ihm. So schnell wie möglich gehts nach Olten. Mit Blaulicht und Horn, die Ambulanz wird mehr als einmal geblitzt! Gross beatmet den Patienten, verabreicht ihm Medikamente, überwacht ihn kontinuierlich. Die Sauerstoffsättigung des Bluts kann gehalten werden, die Retter liefern den Covid-Kranken im Schockraum des Kantonsspitals Olten ab. Geschafft!

Um 12.30 Uhr sind die beiden zurück im Spital Aarau. Der Patientenraum der Ambulanz wird gründlich desinfiziert – wie immer, wenn ein Coronapatient transportiert wurde. Auf der Wache erfasst Gross mit dem Computer die  Patientendaten, macht die Abrechnung. Drei Stunden und 18 Minuten hat der Einsatz gedauert.

Schutzmassnahmen, angespannte Personalsituation, mehr Verlegungen: In Zeiten von Corona ist die Arbeit der Rettungssanitäter noch härter, noch anstrengender. «Die Mehrbelastung durch Corona sehe ich relativ – alles ist endlich.» Vor Kurzem konnte ein anderes Team einen 53-Jährigen erfolgreich reanimieren. Dessen Partnerin schrieb ihnen: «In inniger Dankbarkeit.»

 

«Die Mehrbelastung durch Corona sehe ich relativ – alles ist endlich.»

Am Nachmittag rücken Gross und Huwiler zu zwei weiteren Einsätzen aus – wegen Jugendlichen mit Atemnot: Der eine hat eine Kreislaufstörung, der andere hyperventiliert. Die Retter zeigen Fingerspitzengefühl und Einfühlungsvermögen – bei Atemnot leiden viele Patienten unter Angst zuständen. Um 19 Uhr ist die Schicht zu Ende: vier Einsätze, 139 Kilometer, 401 Einsatzminuten. Die Rettungssanitäter sind müde, «aber zufrieden». An den Festtagen ist Benjamin Gross mit der Ambulanz unterwegs. «Auch das gehört zu unserem Beruf. Retten ist meine Passion.»

Autor*in

Profile picture for user ksasedel
Web Content Managerin