Lesedauer: 5 minutes

Voller Einsatz für Guinea

Claudia Morach, 30.08.2022
Seit mehr als einem Jahrzehnt setzt sich Dr. David Leuenberger für die medizinische Versorgung in einem Spital in Guinea ein. Im Interview erzählt er, wie es dazu kam und was ihn besonders prägte.

Dr. David Leuenberger, Oberarzt i.V. Allgemeine Innere und Notfallmedizin, hat zwischen 2011 und 2020 in Guinea gelebt und dort im Centre Hospitalier Régional Spécialisé (CHRS) de Macenta gearbeitet.

Dr. David Leuenberger, wie kam es, dass Sie im Centre Hospitalier Régional Spécialisé (CHRS) de Macenta in Guinea gearbeitet haben?

Ich bin in Ostafrika aufgewachsen und hatte bereits als Kind den Traum, einmal als Arzt in Afrika zu arbeiten. Insbesondere das Elend der HIV-Pandemie in Afrika war eine Motivation für mich, das Medizinstudium in Angriff zu nehmen. Mit ausschlaggebend war aber auch meine Frau – sie hat den Wunsch, sich für benachteiligte Menschen einzusetzen, von Anfang an mit mir geteilt. Nach meinem Studium lernte ich an einer Konferenz ein Schweizer Ehepaar kennen, das für SAM global – eine Hilfsorganisation, die sich für Entwicklungszusammenarbeit einsetzt – in Macenta arbeitete. Über sie erfuhr ich, dass eine Stelle zum Aufbau einer HIV-Behandlung im CHRS ausgeschrieben war. Ich war sofort interessiert. Zuerst musste ich natürlich medizinische Erfahrungen sammeln. Ich arbeitete zunächst im Kantonsspital Aarau und später in Spitälern in Manchester und Liverpool, wo ich einen Tropenkurs absolvierte, in dem es um das Leben und Arbeiten in Ländern mit extremer Mittelknappheit ging, und auf infektiologischen Abteilungen arbeiten konnte. 2009 nahm ich dann wieder Kontakt mit SAM global auf – und stellte fest, dass die Stelle noch immer unbesetzt war. So bin ich dann 2011 mit meiner Familie nach Guinea gelangt.

Was waren Ihre Aufgaben im CHRS in Guinea?

In den ersten Jahren war ich verantwortlich für den Aufbau der HIV-Behandlung. Ich habe Sprechstunden durchgeführt und ambulante Patientinnen und Patienten betreut. Daneben habe ich Behandlungsprotokolle erarbeitet, das einheimische Personal ausgebildet und die Behandlungsstrukturen aufgebaut. Ausserdem konnte ich das Laborangebot für Patientinnen und Patienten mit HIV verbessern, indem beispielsweise neue Geräte beschafft werden konnten. Auch konnte unter meiner Leitung ein zusätzlicher Spitalsaal zur besseren Infektionsprävention bei den neu eintretenden HIV-Patientinnen und -Patienten gebaut werden.

Ab 2014 wurde ich dann Programmverantwortlicher für unser Hilfswerk in Macenta. In dieser Funktion war ich mitverantwortlich für die Teamführung während der Ebola-Epidemie (2014–2015). Es folgten mehrere grosse Projekte wie beispielsweise 2016 der Bau einer Spitalapotheke, 2017 die Renovation und Erweiterung des Labors, 2018–2022 der Aufbau der Orthopädie-Werkstatt zur Prothesenversorgung oder 2020 die Einführung eines Computer-Netzwerks inkl. Digitalisierung der Patientendaten. Daneben habe ich im Spital regelmässig Fortbildungen des Personals durchgeführt und die Spitalleitung gecoacht.

Seit Februar 2018 ist das Spital nun offiziell unabhängig vom Hilfswerk SAM global und wurde an einheimische Verantwortliche übergeben. Auch heute sind wir aber noch der wichtigste externe Partner des Spitals.

Röntgen in Afrika
Anfertigung einer Röntgenaufnahme im CHRS Macenta

Was ist Ihre Motivation, sich für das CHRS Macenta zu engagieren?

Unsere Welt ist fundamental ungerecht. Dass ich in der Schweiz geboren wurde und Zugang zu einer Top-Ausbildung bekam, ist ein Privileg. Genauso hätte ich in Macenta zur Welt kommen können – mein Leben wäre ganz anders verlaufen, wenn ich überhaupt die ersten Lebensjahre überlebt hätte. Ich möchte etwas weitergeben von meinen Privilegien – das durfte ich während knapp zehn Jahren vor Ort in Guinea tun und auch heute noch von der Schweiz aus.

Was ist heute Ihre Aufgabe im CHRS de Macenta in Guinea?

Ich arbeite zu 80 Prozent im KSA Kantonsspital Aarau und bin zu 20 Prozent noch immer vom Hilfswerk SAM global angestellt. In dieser Funktion bin ich Ansprechperson und Berater der Spitalleitung in Guinea und präsidiere den Verwaltungsrat des CHRS de Macenta. Von hier aus leite ich verschiedene Projekte, beispielsweise konnten in den letzten Jahren mit Geldern einer Schweizer Stiftung die Spitalsäle des CHRS renoviert werden. Aktuell treibe ich das RANUMA-(Radiographie Numérique à Macenta) Projekt voran, bei dem es darum geht, die völlig veraltete Röntgenanlage des CHRS zu ersetzen (weitere Infos s. Box).

Inwiefern hat die Arbeitstätigkeit Sie beeinflusst?

In der ganzen Zeit habe ich enorm viel gelernt. Während ich zu Beginn oft den Kopf schüttelte über Missstände oder mir unlogisch erscheinende Entscheidungen und Reaktionen, habe ich mit der Zeit gelernt, dass es andere Weltsichten gibt, die sich sehr von unserer hier in der Schweiz unterscheiden. So konnte ich meinen Horizont massiv erweitern. Auch medizinisch habe ich viel gelernt: Ein Erfahrungsschatz, den ich nun in meine Ausbildung zum Facharzt für Infektiologie bzw. Tropen- und Reisemedizin einbringen kann. Die Zeit in Guinea hat mich aber auch nachdenklich gestimmt: Der grosse Gegensatz zwischen der Schweiz, einem der reichsten Länder der Welt, und Guinea, einem der ärmsten, und die damit verbundene Perspektivlosigkeit, die für viele Menschen in Guinea besteht, hat mir immer wieder zu schaffen gemacht.

Neues Röntgengerät für das CHRS in Guinea gesucht

Das «Centre Hospitalier Régional Spécialisé» (CHRS) Macenta ist ein regionales Referenzspital für chronische Infektionskrankheiten (HIV, Tuberkulose, Lepra, Hepatitis) wie auch für chronische nicht übertragbare Krankheiten (Diabetes, Epilepsie, körperliche Beeinträchtigungen). Es wurde im Jahr 1981 von der Schweizer Organisation für Entwicklungszusammenarbeit SAM global gegründet. 2021 wurden 22‘177 Sprechstunden abgehalten und 411 Patient/innen stationär behandelt. 1'683 HIV-positive Patient/innen, 441 Patient/innen mit Tuberkulose, 50 Lepra-Erkrankte und 148 körperliche beeinträchtigte Patient/innen wurden betreut.

Das CHRS verfügt über das einzige Röntgengerät in ganz Macenta, einem Distrikt, der flächenmässig so gross ist wie die Kantone Aargau und Bern zusammen. Dieses Gerät ist aber sehr alt, die Bildqualität ist schlecht und es könnte jederzeit eine Panne auftreten, die nicht mehr zu beheben ist. Gemeinsam mit der Spitalleitung des CHRS hat SAM global deshalb das RANUMA-Projekt initiiert, dessen Ziel es ist, bis 2023 ein neues, digitales Röntgengerät im CHRS zu installieren und die Mitarbeitenden entsprechend zu schulen.

Sie möchten sich für eine bessere Gesundheitsversorgung in Guinea einsetzen und das Projekt unterstützen?

-> Erfahren Sie mehr über das RANUMA-Projekt

Autor*in

Projektleiterin Themen-/Kampagnenmanagement