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Ralph Schröder, 27.09.2019

Chefarztsekretärin und frischgebackene Truck-Fahrerin

Die 59-jährige Gabriele Saurenmann ist Chefarztsekretärin in der Viszeralchirurgie. Aber privat sitzt sie unter anderem auf Pferden und am Steuer eines 40-Tonners.

Die 59-jährige Gabriele Saurenmann ist Chefarztsekretärin in der Klinik für Viszeralchirurgie und hat dort bereits vor sieben Jahren in den unterschiedlichsten Sekretariatsfunktionen gearbeitet. Eher ungewöhnlich ist ihre jüngst hinzugekommene Freizeitbeschäftigung: Neben dem Reiten, Wandern und Schwimmen sitzt sie nämlich seit Kurzem liebend gerne am Steuer eines 40-Tonners.

«On the Road» ist nicht nur ein berühmter amerikanischer Roman (Jack Kerouac, 1957) und der Titel oder Titelbestandteil von zahlreichen Filmen und Songs, sondern auch der Ausdruck eines Lebensgefühls. «On the Road», also unterwegs sein, das ist sie schon immer gerne gewesen, Gabriele Saurenmann. Im Leben generell, draussen in der Natur, mit Tieren und auch mit den unterschiedlichsten Vehikeln, ob zwei- oder vierrädrig, angefangen vom Töffli über den Traktor bis zum ganz normalen PKW. Und seit Kurzem ist sie auch in der Lage, einen Truck, also einen LKW zu fahren, einen 40-Tonner wohlgemerkt. Truck fahren, im Führerhaus sitzen und den Blick auf eine weite, sich am Horizont verlierende Strasse gerichtet, das ist mit ein Inbegriff von Freiheit – «on the road» eben.

Wüssten wir nicht schon, was Gabriele hier im Spital für eine Funktion ausübt, wir würden nach dem bisher Gehörten wohl kaum auf eine Chef­arztsekretärin kommen. Dass eine Frau und Chefarztsekretärin mit 57 beschliesst, die LKW-Prüfung zu machen, und zwar nicht weil sie vorhat, intern in die Abteilung Beschaffung und Logistik zu wechseln, sondern um sich einen lang gehegten Traum zu erfüllen, ist ungewöhnlich und nicht gerade typisch, aber das Leben geht bekanntlich eigene Wege, bis es die Strasse findet, die einen neuen Horizont öffnet.

Gabriele Saurenmann, 1960 als Tochter eines Uhrenmachers in Biel/Bienne geboren, wächst in Gattikon bei Adliswil/ZH auf, weil sich der Vater zu Beginn der grossen Rezession in der Uhrenindustrie zum Filmemacher umschulen liess und eine Anstellung beim Schweizer Fernsehen in Zürich fand. Früh entdeckt sie ihre Liebe zur Natur, interessiert sich für die Landwirtschaft und früh strebt sie Unabhängigkeit an, will auf eigenen Füssen stehen, arbeitet neben der Schule auf einem benachbarten Bauernhof, um sich eigenes Geld zu verdienen, und spart auf ihre erstes Fahrgerät: ein Töffli. Nach der Scheidung ihrer Eltern – Gabriele war elfjährig – war der Vater, an dem sie hing, plötzlich weit weit weg, auf der anderen Seite des Zürichsees. Der eigene Töff und der unbeirrbare Wille Gabrieles waren es, die dafür sorgten, dass der Kontakt nicht abbrach. Die Ausflüge zum und mit dem Vater ins Umland von Uster, das Unterwegssein, haben sie geprägt, sagt sie, und den Horizont geöffnet für die eigenen Möglichkeiten.

Die Arbeit auf dem Bauernhof, die sie über alles liebt, lässt ihren Entschluss reifen, nach der Schule Bäuerin zu werden. Sie kann mittlerweile Traktor fahren und bringt alle Voraussetzungen mit für eine landwirtschaftliche Lehre. Doch das Bauernlehrjahr war damals nur Männern vorbehalten. Aber Gabi lässt sich von ihrem Wunsch nicht abbringen und findet schliesslich einen Bauern im Thurgau (Liebesberg), der ihr die Chance bietet, wenn auch nur unter der Bedingung, dass sie sich zusätzlich auch die hauswirtschaftlichen Kenntnisse aneignet.

 

Ich bin gerne "on the road".

In der benachbarten privaten Pferdeklinik (Üsslingen/TG), wo sie damals in ihren Ferien jeweils aushilft, kommt sie erstmals in Berührung mit der Medizin, mit der Veterinärmedizin zunächst. Und weil die Aussicht damals, je als Frau einen eigenen Landwirtschaftsbetrieb führen zu können, utopisch war, beschliesst sie, Tierarztgehilfin zu werden. Aber auch diese Ausbildung war nur über einen Umweg zu haben: den Besuch der Arztgehilfinnen-Schule (heute Medizinische Praxisassistentin) mit Zusatzkursen in Veterinär-Assistenz. Doch wo Gabriele einen Weg zum Ziel sieht, den schlägt sie dann auch ein. Ihr ist nichts zu viel, wenn ihr Herz an etwas hängt. Dass sie damals den Grundstein für ihre späteren Funktionen als Arzt- und Chefarztsekretärin legte, war zunächst aber noch nicht absehbar. Nach ihrer Lehre zur Tierarztgehilfin beweist sie in der Pferdeklinik ihr Organisationstalent und ihre Allrounder-Qualitäten. Sie arbeitet hart und viel, bis in die späten Abende und an den Wochenenden, am Ende schmeisst sie den Laden praktisch alleine.

Gabi ist damals gerade mal knapp über 20, hat bereits zwei Lehren absolviert und viel praktische Erfahrung gesammelt. Dabei hat das Erwachsenenleben gerade erst begonnen. Eine erste Ehe, zwei Kinder, die Aufgabe ihres Jobs in der Pferdeklinik, der Wiedereinstieg als MPA, eine Scheidung, ein grosser Umzug, dann der Einstieg als Arzt-, später Chefarztsekretärin (Spital Muri), all dies meistert Gabi in der Folgezeit als alleinerziehende Mutter, bis sie ihren heutigen Partner – damals noch als Fernfahrer (!) unterwegs – und dessen beide Söhne kennen lernt. Dieses Mal passt alles, man zieht zusammen, gründet eine Patchwork-Familie und heiratet. Nach einer beruflichen Auszeit – die Kinder sind mittlerweile flügge geworden – ist sie vor 8 Jahren in der Viszeralchirurgie am KSA eingestiegen. Zunächst als «Mädchen für alles», sie erledigt Archivarbeiten und übernimmt sukzessive verantwortungsvollere Sekretariatsarbeiten für den Arztdienst. Als man ihr letztes Jahr den Posten als Chefsekretärin anbietet, sagt sie Ja und führt seither das Sekretariat mit 11 Mitarberinnen.

Beruflich ist sie also weit herum gekommen, aber auch privat ist Gabi Saurenmann stets «unterwegs» geblieben, sei es zu Pferd – das Reiten gehört seit ihren Anfängen in der Pferdeklinik zu ihren Hobbys – , sei es mit dem Auto auf Reisen durch Kalifornien, Arizona, Utah und Texas. Die USA, das weite Land, Country-Musik, wir haben es geahnt, da fühlt sich Gabi wohl. Mit dem Besitz des LKW-­Führerscheins hat sie sich jetzt einen grossen Traum erfüllt, der sie zum nächsten Ziel führt. In die Ukraine, wo sie, wenn alles klappt, nächstes Jahr einen Hilfstransport begleiten wird: am Steuer eines 40-Tonners, die Strasse und den Horizont im Blick.

Autor

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Redaktor/Stv. Mediensprecher

Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter ist Ralph Schröder seit 2011 ein engagierter und bedachter Texter für das KSA, der es jederzeit versteht, dem geschriebenen Wort Verständnis und Sinn einzuimpfen.