Intensivpflege
P. M., 12.07.2020

«Guten Tag Herr S.»

Auf den Intensivstationen wird für Patientinnen und Patienten mit schweren Verläufen oder langer Beatmungszeit oft ein persönliches Tagebuch geführt, das helfen soll, Erinnerungslücken zu füllen.

P. M., dipl. Expertin Intensiv­pflege auf der IPS 121 hat ein solches für den COVID-19 Patienten Herrn S. verfasst. Ein berührendes Dokument.

Nach einem Aufenthalt in einem Ferienort hat man bei Ihnen am 16. März 2020 einen positiven SARS-CoV-2-Befund diagnostiziert. Am 26. März wurden Sie mit hohem Fieber ins Spital gebracht. Danach haben Sie sich respiratorisch verschlechtert und Sie wurden in den frühen Morgenstunden auf die Intensivstation gebracht. Hier wurden Sie intubiert und an die Beatmungsmaschine angeschlossen.

KSA Herr S 1
KSA Polaroid
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Hier sitzen Sie am Bett­rand, und das machen Sie gross­artig. Heute, am 30. April, sind Sie 20 Mi­nu­ten län­ger geses­sen als ges­tern.

Nun liegen Sie schon 35 Tage auf der Intensiv­station 121 im Kantonsspital Aarau. Sie hatten in der Zwischenzeit mehrere Ereignisse, die leider mit der COVID-19-Erkrankung zu tun haben. Sie haben sich nun etwas erholt und wir gehen in der Therapie in Richtung Rehabilitation. Sie haben einen Luftröhrenschnitt bekommen (Tracheotomie) und wurden zunächst auf diesem Wege weiterbeatmet. Seit Tagen sind Sie nun an der künstlichen Nase, so nennen wir das; es ist ein Filter vor dem Tracheostoma, der uns erlaubt, Ihnen Sauerstoff zuzuführen. Nun leisten Sie die ganze Atemarbeit allein, und das ist eine grosse Leistung. Sie müssen ansonsten noch einiges über sich ergehen lassen, z. B. die Mobilisation am Bettrand, Ergotherapie, Physiotherapie. Das wird Ihnen helfen, zurück in den Alltag zu finden. Sie sind noch nicht so kräftig und schnell erschöpft, aber das ist normal, und wir lassen Ihnen Zeit.

KSA Herr S 1
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Von den ursprünglich sehr vielen Medikamenten, die kontinuierlich über 24 Stunden laufen, sind nur noch wenige vorhanden. Also ein gutes Zeichen.

Wir schreiben hier in dieses Tagebuch, damit Sie in ein paar Wochen oder Monaten die Bilder ansehen und nachlesen können, was mit Ihnen geschehen ist. Diese Zeit hier wird Ihnen wahrscheinlich nicht mehr in der Erinnerung sein. Es ist viel passiert in der Welt. Kein Staat, keine Stadt und kein Dorf wurde von den Ereignissen verschont. Wir wurden in den Medien von Meldungen überschüttet. Und so war es auch hier in Aarau. Es hat in den letzten zwei Monaten so ausgesehen, als wäre die Welt zusammengewachsen, trotz der geschlossenen Grenzen, trotz der vielen Verbote. Die Welt ist dabei stillgestanden. Aber nicht auf den Intensivstationen. Auf unserer Intensivstation hatten wir einige Patienten, die mit Ihnen Ihr Schicksal geteilt haben. Es muss unheimlich angemutet haben, als Sie das erste Mal die Augen öffneten und Leute sahen mit Mundschutz, Schutzbrille und Schutzkittel. Sie, Herr S., waren in diesen Tagen unter uns, den «Eingepackten» und Sie waren nie allein. Ihre Lebenspartnerin hat telefoniert und sich erkundigt. Besuch war verboten und ist auch jetzt noch nur in Absprache und mit Besuchserlaubnis möglich. Für die Angehörigen eine grosse Sache, aber auch gut, dass dies in den letzten zwei Wochen möglich gemacht wurde.

KSA Herr S 1
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Hier noch Gute-Bes-serung-Wunschkarten von Ihren Lieben. Und heute einmal mehr ein so schöner blauer Himmel. Der April war regenlos
 und sonnig.

«Aber der nächste Sommer kommt bestimmt»

Die 35 Tage sind schwer nachzuvollziehen. Jedes Detail kann man nicht aufschreiben, aber Impressionen und Momente. Gestern zum Beispiel hatten Sie das Bedürfnis etwas aufzuschreiben, um sich mitzuteilen. Leider hatten Sie da noch nicht genug Kraft, um den Stift zu halten. Seit vielen Tagen können Sie am Bettrand sitzen, und seit gestern drehen Sie sich mit etwas Hilfe allein auf die Seite. Es mag nach wenig klingen, aber es ist nicht wenig. Es ist sogar etwas Grosses, was Sie hier leisten. Vor zwei Wochen ungefähr habe ich Sie betreut und jetzt seit ein paar Tagen wieder. Darum habe ich gesehen, was für grosse Fortschritte Sie gemacht haben. Ich hoffe für Sie, dass es so weitergeht und Sie bald in die Rehabilitationsklinik gehen können. Gute Besserung!

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