Ralph Schröder, 04.05.2020

Jobvisite: In der keimfreien Zone

Tausende OP-Instrumente laufen täglich durch die hochautomatisierte Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte (AEMP) im KSA und jedes einzelne durch die Hand eines Mitarbeitenden.

In diesem Job-Praktikum habe ich in der AEMP mit angepackt und gestaunt.

Ich war mir anfänglich nicht sicher, wie detailreich die Schilderungen über meinen Job-Einsatz in der "Aufbereitungseinheit für Medizinprodukte" – kurz AEMP –werden sollen. Die bildhaften Bezeichnungen der vielseitigen Instrumente kann nämlich ganz schön auf den Appetit schlagen:

  • Wundhaken
  • Knochensplitterzangen
  • Kopfschwartenklemmer
  • Rippenscheren
  • Thoraxspreitzer
  • Uteruslöffel
  • Nasenspekulum
  • Lungenspatel
  • Knochenraspeln

Täglich werden 10‘000 unterschiedliche Instrumente
gereinigt, desinfiziert, steril verpackt, gelagert und wieder ausgeliefert.
Warenwert über eine Million Schweizer Franken

Ohne AEMP keine OPs

Natürlich hatte ich von der Arbeit in der «Steri» schon oft gehört und war schon bei der einen oder anderen Führung durch die Anlage mit dabei gewesen. Ihre Bedeutung für den OP-Betrieb, ja für das Gesamtspital und vor allem für die hier behandelten Patientinnen und Patienten war mir bewusst. Kurz auf den Punkt gebracht: Ohne steriles OP-Instrumentarium keine OP‘s, und ergo auch keine chirurgischen Behandlungen. Doch wie so oft wird die Komplexität, der technische und personelle Aufwand sowie die dafür notwendige fachliche Expertise einer Abteilung erst deutlich, wenn man sie mit eigenen Augen gesehen hat oder wie in meinem Fall bei der konkreten Mitarbeit erfahren hat.

Wie mit Jörg Helminski, dem Leiter der AEMP, vereinbart, trat ich also meine Frühschicht um 7 Uhr morgens an – die AEMP arbeitet in zwei Schichten von 7 bis 21 Uhr abends. Wer nicht ortskundig ist im KSA, wird seine liebe Mühe haben, die AEMP zu finden. Kein Wegweiser führt zu ihr. Die «Steri» befindet sich nämlich tief im Innern von Haus 1, quasi in den Eingeweiden des Gebäudes «unter Tage», d.h. im 1. Untergeschoss. Tageslicht fällt nur über ein Atrium im Anbau Ost ein, aber auch das nur indirekt. Kunstlicht beherrscht die mehrheitlich durch Glasfenster unterteilten und gefliesten Arbeitsräume. Zwei Stockwerke trennen die Räumlichkeiten der Instrumentenaufbereitung von denjenigen der OP-Säle weiter oben. Für «Unbefugte» ist der Zutritt zur AEMP nicht möglich. Die in zwei Hauptzonen – eine «unreine» und eine Reinzone – unterteilte Aufbereitungseinheit bildet ein in sich geschlossener Binnenkomplex mit integriertem Aufenthaltsraum und offener Küche, Garderobenräume und WC-Anlagen. Blaue Schutzkleidung, Kopfhauben und rutschfesten Gummiclogs – in der unreinen Zone zusätzlich Wegwerfschürzen, Gummihandschuhe oder Mundschutz – dienen hier der Hygiene und Keimfreiheit, der sterilen Wiederaufbereitung des OP-Instrumentariums und nicht zuletzt der eigenen Sicherheit.

Der Aufbereitungszyklus beginnt

In der Reinigungs- und Desinfektionsraum beginnt für jedes im OP verwendete Instrument der Zyklus der Wiederaufbereitung. Und hier begann auch ich mein Tagespraktikum zusammen mit Mauro, den ich bereits als Vollblutmusiker kannte, Marvin, Jamel und Islam. "Meine Name ist Islam, aber ohne Moschee", begrüsste mich z.B. Islam Mustafa mit einem breiten Grinsen. Die Namen verraten es. Die AEMP ist ein Ort, an dem Multikulturalität gelebt wird. Rund 30 Mitarbeitende aus 20 unterschiedlichen Nationen arbeiten hier miteinander Hand in Hand. Die Freude an der Arbeit, der Teamspirit und nicht zuletzt eine gute Portion Humor machen es möglich. 

Multikulturelle Zusammenarbeit

Islam arbeitet seit sieben Jahren in der AEMP, stammt aus dem Kosovo und ist ursprünglich gelernter Zahnarzt. Die Flucht aus seinem Land führte ihn über Umwege in die Schweiz, die fehlende Berufsanerkennung zur Arbeit in der AEMP. So ähnlich bei Jamel, der aus Tunesien stammt und von Beruf Maschinenbauingenieur ist. Äussere Umstände haben dazu geführt, dass sie hier gelandet sind, dankbar einen Job gefunden zu haben, der Intellekt erfordert und bei dem medizinische oder technische Vorkenntnisse eine gute Basis für die Arbeit sind. Auch die anderen Mitarbeitenden in der AEMP bringen ähnliche Hintergründe mit.

Die kenntnisreichen Erklärungen von Islam über all die Scheren, Skalpellen, Haken, Klemmen, Bohrer, Stanzen, Zangen, Raspeln und Sägen haben meine Fantasie in Gang gesetzt und man wähnt sich ganz schnell in blutigen Gruselstreifen oder in Frankensteins Atelier. Zu wissen, dass all dieses Material soeben in den OP-Sälen oder umliegenden Ambulatorien gebraucht worden ist, löst ein leichtes Magengrummeln aus. Zum Glück erlöste mich Mauro mit seinen ganz praktischen Ausführungen zum Ablaufprozedere der Instrumentenreinigung und meine Konzentration war augenblicklich zurück.

Die Mehrzahl aller Instrumente befindet sich in so genannten Instrumentensieben. Das Grundsieb enthält zunächst jene Instrumente, die praktisch bei jeder OP zum Einsatz kommen. Daneben existieren für jede chirurgische Disziplin und da wiederum für besondere Eingriffe Spezial- und Zusatzsiebe, die mit entsprechenden Spezialinstrumenten gefüllt sind. Lungen-, Thorax- und Gefässsieb heissen die dann. Und auch ein Amputationssieb gibt es, das Gruseln will schon wieder beginnen.

Die Siebe selbst befinden sich in Sterilcontainern, die ein bisschen aussehen wie die Warmhaltebehälter, die beim Catering verwendet werden. Warum sich für die Instrumentenaufbereitung ausgerechnet Vergleiche aus der kulinarischen Welt aufdrängen, ist mir schleierhaft. Die Sterilcontainer mit den gebrauchten Instrumentensieben gelangen vom OP mit einem Transportwagen in die AEMP, eine Aufgabe, die jeweils ein Mitarbeitender der Schicht übernimmt, bei mir war es Jamel.

Mit frisch umgebundenen Wegwerfschürzen und Gummihandschuhen ging es jetzt also ans Entladen der Container, Siebe und Instrumente. Auf drei unterschiedlich ausgestattete Beladungsträger verteilten wir die wertvolle Ware. Die Siebe werden für die anschliessende Reinigung und Desinfektion in einer der insgesamt sieben Waschkammern (RDGs) der automatisierten Waschanlage so befüllt, dass sämtliche Oberflächen der Instrumente von den Düsen erreicht werden. Das Prinzip gleicht dem Beladen einer herkömmlichen Geschirrspülmaschine. Die Sterilcontainer und Deckel werden separat beladen, ebenso sämtliche OP-Instrumente, die über Hohlräume verfügen (laporoskopische Instrumente). Was demontierbar ist, wird auseinander genommen, Hohlinstrumente aufgesteckt oder an kleine Schläuche am Beladungssträger angeschlossen. So wird sichergestellt, dass auch sämtliche Hohlräume gereinigt und desinfiziert werden.

 Als ich abends beim Apéro im Garten unseren Freunden erzählte, dass ich heute im Spital neben einer Unzahl von Scheren, Klemmen und Skalpellen auch Wundhaken, Knochensplitterzangen, Kopfschwartenklemmer, Rippenscheren und Thoraxspreizer gereinigt hätte, hatten die auf einmal keinen Appetit mehr auf meine wunderbar marinierten Spareribs.

Ralph Schröder

Integriertes Betriebs- und Steuersystem

Die Siebe sowie die Beladungsträger werden im Anschluss über einen Barcode eingescannt. Das in der AEMP für den gesamten Zyklus im Einsatz stehende IT-Betriebs- und Steuerungssystem Instacount erhält so die Informationen für den nachfolgenden Reinigungs-, Desinfektions- und Sterilsations-Prozess, was gleichzeitig die Rückverfolgbarkeit jedes einzelnen Schrittes für jedes einzelne Instrumentenset möglich macht. 

Strenge Hygienevorschriften

Der Zustand des Instrumentarius überrascht mich, ich hatte ehrlich gesagt mit mehr Blut gerechnet. Aber klar ist: Kontaminiert mit möglicherweise hochinfektiösen Mikroorganismen ist hier grundsätzlich alles. Deswegen auch die strengen Hygienevorschriften. Nach jeder Ent- und Beladung ist ein Wechsel der Überschürze und Gummihandschuhe sowie Händedesinfektion Pflicht.

Die befüllten Beladungsträger werden danach an die vollautomatisierte Wagenwaschanlage angedockt. Ab diesem Zeitpunkt geschieht alles von allein. Das System entscheidet, welcher Beladungsträger in welches der sieben Reinigungs- und Desinfektionsgeräte (RDGs) einfährt und welches "Waschprogramm" gefordert ist, ob lediglich thermisch oder chemisch-thermisch gewaschen und desinfiziert wird. Das hängt von der Beschaffenheit des Materials ab. Das Reinigen von besonders sensiblem Material wie Endoskope erfolgt in einem Spezial-RDG.

Die nebeneinander stehenden und in einer grosen Stahlwand eingebauten RDGs trennen die unreine von der reinen Zone der AEMP und wirken mit ihrem transparenten Sichtglas auf den beiden Frontseiten wie grosse Aquarien. Fasziniert blicke ich durch die Scheiben auf das sprudelnde Spülwasser und das sichtbare Instrumentarium, auf die arbeitenden Kollegen drüben in der reinen Zone und staune wieder einmal über das Funktionieren unseres Spitals, darüber, was es alles braucht, das Zusammenwirken von Mensch und Technik, von Wissen und Erfahrung.

So in Gedanken versunken, holt mich schliesslich Mauro in die Realität zurück. "Wir machen jetzt Mittagspause. Nach dem Mittag geht‘s dann auf der anderen Seite weiter." Ich war ganz froh, für eine kurze Zeit ans Tageslicht zu kommen. Hier unten vergisst du schnell einmal die Zeit und was sonst so um dich herum im Spital passiert. Doch die meisten Mitarbeitenden verlassen die AEMP nicht. Zu mühsam ist der dafür jeweils erforderliche Wechsel in Dienst- oder Zivilkleidung.


schematische Darstellung des Reinigungsprozesses

In der reinen Zone

Nach der Mittagspause herrschte in der AEMP Hochbetrieb. Die Spätschicht war eingetroffen. Johannes Schole, der stv. Leiter der AEMP, instruiert im Aufenthaltsraum das versammelte Team kurz über den aktuellen Status der Arbeit und der Anlage.

In frischen Arbeitskleidern wechsle ich danach mit Mauro in die reine Zone. Der Übertritt erfolgt über eine Druckschleuse. Ein leichter Überdruck in der reinen Zone sowie ein leichter Unterdruck in der unreinen sorgt für Staubfreiheit der hier verarbeiteten Siebe und Instrumente, erklärt mir Mauro. 

Schon beim Entleeren der Siebe und Befüllen der Beladungsträger am Morgen in der unreinen Zone habe ich mich gefragt, wie diese Unzahl an unterschiedlichen Instrumenten nach ihrem "Wasch- und Spülgang" in den RDGs ihren angestammten Platz in den einzelnen Instrumentensieben zurückfinden würden. Ich habe ja schon Mühe zuhause, unser Besteck und Co. aus dem Geschirrspüler ordentlich in den Schubladen zu verräumern.

Mauro erklärt mir: Die gereinigten und desinfizierten Siebe sowie Einzelinstrumente werden zunächst auf die insgesamt 14 Arbeitsstationen im Packbereich der reinen Zone verteilt, wobei jede Station für eine bestimmte chirurgische Diszplin und die hier verwendeten Instrumente zuständig ist. "Kennst Du eigentlich jedes dieser Instrumente einzeln und weisst Du wo es hingehört?", frage ich ihn. Nicht jedes einzeln, aber die meisten schon, bekomme ich zur Antwort. Das sei Sache der Erfahrung. Und natürlich erfolgt das ordnungsgemässe Befüllen der einzelnen Instrumentensiebe und die Kontrolle jedes einzelnen Instruments IT-gestützt nach einem streng einzuhaltenden, im System abrufbaren Sortierplan.

Im Packbereich

Um die Aufgabe zu verstehen, darf ich mich, assistiert von Mauro, an einer Arbeitsstation an einem Grundsieb versuchen. Durch Scannen des Barcodes erkennt das System das Inventar eines jeden Siebes, auf dem Bildschirm erscheint eine Liste aller Instrumente, die Platz finden müssen und ein Foto des komplett gefüllten Siebes bietet eine visuelle Sortierhilfe. Sämtliche Instrumente werden zunächst neben dem Sieb ausgelegt. Im Anschluss folgt eine strenge Kontrolle jedes einzelnen und noch so kleinen Instruments gemäss vorgebener Liste auf Sauberkeit und Funktionsfähigkeit. Gelenke werden geölt, Scheren auf ihre Schneidfähigkeit überpüft etc., beschädigte oder auch fehlende Instrumente ersetzt. Die mit einer Optik oder Elektrikkabeln ausgestatteten Instrumente werden mit entsprechenden Testgeräten auf ihre Funktionalität geprüft.

Als Kind habe ich das Wiedereinräumen meines Meccano-Baukastens mit all seinen Kleinstteilen geliebt und der Anblick des vollständigen Bausets hat mich jedesmal mit Stolz erfüllt, aber das ist nichts gegen das Gefühl, ein vollständiges Instrumentensieb vor dir stehen zu sehen, nachdem du jedes Einzelinstrument in die Hand genommen und deren eingravierte Artikelnummer – teilweise unter der Lupe – mit der geforderten Listennummer im System abgeglichen und am richtigen Ort im Sieb platziert hast. Ich war sichtlich stolz nach 30 Minuten, auch wenn Mauro meine Euphorie mit seiner Aussage, dass er für so ein Grundsieb maximal 10 Minuten benötige, ein wenig dämpfte.

Die Sterilisation

Doch damit ist der Zyklus der Instrumentenaufbereitung noch nicht beendet. Die Instrumente sind jetzt zwar gereinigt und desinfiziert, kontrolliert und einsortiert, für ihre Wiederverwendung im OP müssen diese jetzt noch steril gemacht werden. Nur durch den nachfolgenden Sterilsationsprozess werden nämlich sämtliche vemehrungsfähigen Mikroorganismen an den Instrumenten abgetötet. Dies erfolgt in den so genannten Autoklaven (Steriliastionsgerät) im hinteren Bereich der reinen Zone.

Die Instrumentensiebe werden, in Spezialflies gehüllt, in die ebenfalls gereinigten Sterilcontainer gepackt, verschlossen, gescannt und etikettiert. Luftfilter im Deckel des Containers ermöglichen das Einströmen des Dampfes oder Wasserstoffperoxids während des Sterilsationsprozesses. Im Autoklaven wird zunächst die vorhandene Luft entzogen. Das Sterilisiergut wird anschliessend während 18 Minuten bei 134° C gesättigtem Wasserdampf ausgesetzt und der Dampf anschliessend abgesogen und das Sterilgut getrocknet. Danach stehen die Container im Sterillager für den Transport und ihre Wiederverwendung im OP bereit.

70‘000 solcher Sterilguteinheiten werden jährlich verarbeitet.
Dazu kommen 120‘000 Einzelinstrumente.

Die unsichtbaren Profis

Angesichts solcher Zahlen steigt die Ehrfurcht vor dem, was hier in der AEMP täglich geleistet wird. Und trotz aller Automatisierung habe ich selbst erfahren, wie wichtig, verantwortungsvoll und unverzichtbar die Aufgabe jeder einzelnen Fachkraft hier unten ist. Durch hochkonzentrierte Arbeit werden in der AEMP die Voraussetzungen für grösstmögliche Patientensicherheit geschaffen und das von einem fast unsichtbaren Team, dessen Leistung viel zu selten gewürdigt wird.

Autor

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Redaktor/Stv. Mediensprecher

Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter ist Ralph Schröder seit 2011 ein engagierter und bedachter Texter für das KSA, der es jederzeit versteht, dem geschriebenen Wort Verständnis und Sinn einzuimpfen.