«Hast du wieder Corona?»

«Kevin allein zu Haus» – der 28-jährige Dr. Kevin Vallotton, Assistenzarzt auf der AIN, hätte sich wohl nicht träumen lassen, dass dieser Filmtitel für ihn einmal bittere Wahrheit werden könnte.

Kevin Vallotton gehörte zu den ersten Mitarbeitenden, die sich mit dem Corona-Virus angesteckt haben. Der Krankheitsverlauf war alles andere als milde, wie sein Erfahrungsbericht über seine 12-tägige Quarantäne beweist. Inzwischen ist Kevin Vallotton aber wieder genesen.

Es waren gerade mal ein paar Tage vergangen seit meinem Stellenantritt im KSA am 1. März dieses Jahres, als ich erste geringe Symptome zeigte, ein wenig Husten, aber sonst nichts Grösseres. Ich kam sehr müde zur Arbeit. Ich hatte gerade Geburtstag gehabt und mich wahrscheinlich im Ausgang bei irgendwem angesteckt. Die Epidemie hatte in der Schweiz erst gerade begonnen, und es herrschte teilweise noch Skepsis darüber, ob die Situation sich so zuspitzen würde, wie sie es dann tat.

Ich wurde noch gefragt, warum ich mich testen lassen wolle und ob ich wirklich mindestens zwei Symptome hätte. Man hat mich dann aber zu Hause isoliert und ich wurde noch am gleichen Tag getestet. Resultat: positiv. Es fühlte sich irgendwie komisch an, einer der ersten Fälle zu sein. Und natürlich habe ich mich als Erstes gefragt, ob ich eventuell andere angesteckt hatte, Patienten oder Kollegen.

Sich zu duschen fühlte sich an, wie einen Sprint zu laufen.

Dr. Kevin Vallotton

Zeit zum Nachdenken

Die Isolation lässt einem dann viel Zeit zu philosophieren, über die Globalisierung zum Beispiel, die es ermöglicht hat, dass ein Virus in so kurzer Zeit von Wuhan nach Aarau gelangen konnte. Auch wenn man in der Selbstisolation ganz allein mit sich beschäftigt ist, beginnt man an die Menschen zu denken, die langfristig an ansteckenden Erkrankungen leiden und an den Rand der Gesellschaft gedrängt werden.

Meine Symptome nahmen dann stetig zu und nach einigen Tagen war ich richtig stark krank und hatte bei jeder geringsten Anstrengung Atemschwierigkeiten. Sich zu duschen fühlte sich an, wie einen Sprint zu laufen. Selbst im Ruhezustand hatte ich Thoraxschmerzen und Atemnot. Ich meldete mich auf dem Notfall und man entschied sich, mich während einer Nacht zu überwachen. Ehrlich gesagt, auch wenn man weiss, dass man als junger Mensch bei guter Gesundheit ein sehr niedriges Risiko hat, beginnt man in einer solchen Situation trotzdem daran zu denken, dass die Erkrankung schlimm verlaufen könnte. Was mich zusätzlich beunruhigte, war, dass mein Geschmackssinn zunehmend verloren ging. Als Mediziner weiss man, dass damit das Virus bereits im Zentralnervensystem ist, und man beginnt, sich alle möglichen Auswirkungen auszudenken. Wie z.B. ein Leben ohne Geschmackssinn wäre … Erfreulicherweise kam der Geschmackssinn dann vollständig wieder zurück.

Im KSA war Dr. Christoph Fux meine offizielle Ansprechperson. Es fühlt sich immer gut an, wenn man sich bei Unsicherheit oder neuen Symptomen direkt bei einem Spezialisten melden kann. Er hat sich jeden Tag bei mir gemeldet, um zu wissen, wie es mir geht.

 

Nach der Quarantäne ist vor der Qarantäne

Nach zwölf Quarantäne-Tagen kehrte ich dann wieder an die Arbeit zurück. Als Erstes wollte ich wissen, ob wegen mir noch andere krank geworden sind und ob ich irgendwas hätte besser machen können. Ich war jetzt zwar immun, habe aber wie alle anderen auch weiterhin die geltenden Massnahmen befolgt, heisst weiterhin eine Maske getragen, obwohl dies in meinem Fall nicht mehr nötig gewesen wäre. Man kann aber auch nicht jedem und allen immer wieder erklären, dass man die Krankheit bereits hinter sich hat, insbesondere wenn nach wie vor nicht geklärt ist, wie lange die Immunität anhält. Kommt hinzu, dass auch die Heuschnupfenzeit wieder begonnen hat, was bei mir wie jedes Jahr mit leichtem Husten einhergeht, und sehr rasch konnte ich bereits die ersten fragenden Blicke erkennen, die mir sagen wollten: «Hast du wieder Corona?»

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