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Markus Moser, 06.03.2019

«Man verliert sich selbst...»

Never give up. Daniel Albrecht, Ex-Skirennfahrer und Unternehmer erzählt seine Geschichte. Ein Vortrag in Walliser Mundart am 14. März am Kantonsspital Aarau im Rahmen der Woche des Gehirns.

Es ist nun schon über zehn Jahre her, als der ehemalige Skirennfahrer Daniel Albrecht aus Fiesch beim Abschlusstraining zur Abfahrt in Kitzbühel schwer stürtzte. Ein Schädelhirntrauma und drei Wochen Koma waren die Folgen des harten Aufpralls durch den missglückten Zielsprung. Nach einer langen Rehabilitationsphase und vielen harten Trainingsstunden gab Daniel Albrecht, rund 22 Monate nach seinem verheerenden Sturz, sein Comeback im Ski Weltcup. Nach einer weiteren schweren Verletzung am Knie, beendete Albrecht seine Skikarriere im Oktober 2013.

Daniel Albrecht ©Rob Lewis
©Rob Lewis

«Man verliert sich selbst, alle seine Erinnerungen und Fähigkeiten. Das ist für Aussenstehende schwer nachvollziehbar.»

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Am 14. März 2019 (19 Uhr, Hörsaal Haus 1) referiert Daniel Albrecht am Kantonsspital Aarau. "Never give up: Von 100 auf 0 und wieder zurück!" erzählt seine Geschichte und wie der schwere Unfall in Kitzbühel sein ganzes Leben veränderte. Ausserdem führt Prof. Dr. med. Ulrich Buettner (ehem. Chefarzt Klinik für Neurologie am Kantonsspital Aarau und Vorstandsmitglied Fragile AG / SO Ost) in die Thematik Schädelhirntrauma ein.

Mit 23 Jahren hat Daniel Albrecht geschafft, wovon viele Profisportler träumen: Als Welt- und Vizeweltmeister steht dem neuen Shootingstar die Tür zu einer grossen Karriere im alpinen Skirennsport offen. Der als grosses Talent gehandelte Walliser feiert mehrere Weltcupsiege und gilt als nächster Anwärter auf den begehrten Gesamtweltcupsieg. Im Januar 2009 wendet sich das Blatt: Während des Abschlusstrainings zur legendären Streif in Kitzbüehl verunfallt Daniel Albrecht schwer: Innerhalb eines Sekundenbruchteils wird aus dem Kampf um Medaillen, der Kampf um sein Leben. Mit einem grossen Ziel vor Augen – die Rückkehr in den Skiweltcup – nimmt er den langen Weg zurück in Angriff.

Während des rund einstündigen Referats erzählt Daniel Albrecht seine Geschichte und zeigt, was man mit Leidenschaft, Geduld und einem unerschütterlichen Glauben an sich selbst alles schaffen kann. Seine Art berührt, beeindruckt und gibt Hoffnung.

Kurz nach seiner Entlassung aus dem Inselspital Bern startete er ein Projekt zur Unterstützung von Menschen mit einer Hirnverletzung. Heute engagiert sich Daniel Albrecht unter anderem für FRAGILE Suisse. FRAGILE Suisse unterstützt Menschen mit einer Hirnverletzung und ihre Angehörigen in der ganzen Schweiz mit vielfältigen Dienstleistungen. Wir hatten die Gelegenheit, Daniel Albrecht ein paar Fragen zu stellen.

Daniel Albrecht, Sie engagieren sich und unterstützen die Organisation FRAGILE Suisse als Botschafter und beschreiben auf Ihrer Webseite, dass ein guter Support nach einer Hirnverletzung besonders wichtig ist. Von wem und wie haben Sie diese Unterstützung gespürt?
Daniel Albrecht: Eine meiner ersten Erinnerungen ist das Lächeln einer Pflegefachfrau, die mich morgens immer in meinem Zimmer begrüsste. Ich weiss nicht mehr, wie sie hiess, aber ich erinnere mich daran, dass ich sie mochte. Menschen mit Hirnverletzung erleben oft eine frustrierende Unselbständigkeit. Sind plötzlich von Fremden abhängig, brauchen deren Hilfe und Erlaubnis, um einfachste Dinge zu tun. Eine positive Grundstimmung, ein nettes Lächeln, freundliche Worte. Kleinigkeiten, die das Leben in einer solchen Ausnahmesituation erträglicher machen.

Was war für Sie das Schwierigste oder die grösste Herausforderung, um wieder in den Alltag zu finden, der vielleicht nicht mehr so wie vorher war?
Daniel Albrecht: Eins vom Schwierigsten war, dass ich mich in den ersten Monaten draussen nicht frei bewegen konnte. Ich musste vor der Öffentlichkeit abgeschirmt werden und durfte nicht allein raus aus meiner Reha-Abteilung. Man musste überall damit rechnen, Fotografen oder Medienleuten über den Weg zu laufen. Eine öffentliche Person zu sein, war für mich vor der Hirnverletzung nie eine Last – ich wusste genau wie`s im Business läuft und wie ich mit den verschiedenen Playern umzugehen habe. Wenn du aber nicht mehr weisst, wer du bist und dass die kleinen grünen Tiere, die aussehen wie Turtles, keine Panzerbären, sondern Schildkröten sind, dann wird`s schon heikel. Stellen Sie sich vor, man hätte zu Beginn ein Interview mit mir veröffentlicht. Desorientiert, hilflos und konfus. Als ich im Koma lag, versuche ein Fotograf sogar, sich als Pfleger verkleidet einzuschleichen, um ein Bild von mir zu machen. Wenn keiner auf dich aufpasst, bist du als Mensch mit Hirnverletzung schutzlos anderen ausgeliefert.

Wie kann man sich die Rehabilitation nach einem Schädelhirntrauma vorstellen?
Daniel Albrecht: Ich lag drei Wochen im Koma, zwei weitere Wochen auf der Intensivstation und musste danach rund drei Monate in der stationären Neurorehabilitation bleiben. An die ersten vier, fünf Wochen nach dem Aufwachen habe ich kaum Erinnerungen. Mein Gehirn lief im Sparmodus. Es hatte keinen Zugriff auf Erinnerungen und konnte auch keine neuen Informationen abspeichern. Ich konnte wohl einigermassen sprechen, verstand aber einfachste Zusammenhänge nicht, wusste nicht, wo ich war und wieso ich dort nicht wegkonnte. Es dauerte Monate bis ich mich selbst wiedergefunden hatte. Und weitere rund zweieinhalb Jahre, bis ich wieder annährend die Leistungsfähigkeit und Denkweise eines gesunden, jungen Erwachsenen hatte. Ich stürzte als 25-jähriger Weltmeister und Weltcupsieger und erwachte als Kleinkind ohne Gedächtnis, das nicht selbstständig sitzen, essen oder duschen konnte. Man verliert sich selbst, alle seine Erinnerungen und Fähigkeiten. Das ist für Aussenstehende schwer nachvollziehbar.

Daniel Albrecht ©Rob Lewis

©Rob Lewis

«Wenn du alles gibst und trotzdem scheiterst, ist das völlig okay. Dein Bestes ist schliesslich gut genug.»

Hatten Sie während Ihrer Genesung Kontakt zu anderen Patienten mit einem Schädelhirntrauma und inwiefern haben Ihnen eventuelle Gespräche mit diesen weitergeholfen?
Daniel Albrecht: In der stationären Neuroreha-Abteilung waren natürlich auch andere Patienten mit Schädelhirntrauma. Wir haben uns im Alltag schon ausgetauscht. Trotzdem war ich irgendwie ein Sonderfall. Auch ohne Erinnerungen an mein früheres Ich, handelte und dachte ich wie ein Spitzensportler. Zielorientiert, optimistisch, fokussiert. Es war schon deutlich, dass ich anders an Herausforderungen herangehe. Ich bin es seit Kindheit gewohnt, auf ein hohes Ziel hinzuarbeiten, das unerreichbar scheint. Auch Rückschläge gehören dazu. Ausserdem war es für mich normal, auf mich allein gestellt zu arbeiten. Ich brauche ein positives Umfeld, um Leistung zu bringen, bin aber nicht der Typ, der diesen persönlichen Austausch in Form von Gesprächsgruppen braucht. Natürlich habe ich aber gemerkt, dass meine Geschichte für andere Betroffene ein Anker sein kann. Deshalb setze ich mich auch heute noch für Menschen mit Hirnverletzungen ein. Ich nehme meine Verantwortung als öffentliche Person ernst und helfe immer wieder Betroffenen, die bei mir Hilfe suchen.

Hatten Sie auch Angst nicht mehr in die Normalität zurückzufinden und wie haben Sie diese Phasen überwunden?
Daniel Albrecht: Nein, diese Angst hatte ich nicht. Anfangs wusste und verstand ich ja nicht, was mit mir ist. Mir war nicht klar, dass ich nicht ich bin. Es war mir nicht bewusst, dass ich vielleicht nie mehr selbstständig leben würde. Sobald ich mich soweit erholt hatte, dass ich meine aktuelle Lage überblicken konnte, war ich schon wieder einigermassen alltagstauglich. Ausserdem stelle ich mir solche grundsätzlichen Fragen sowieso nicht. Ich habe ein Ziel, arbeite motiviert und konzentriert, gehe Schritt für Schritt vorwärts. Erst dann schaue ich, was dabei rauskommt. Wenn ich ein gestecktes Ziel nicht erreiche, setze ich mir einfach ein anderes Ziel. Bedauern und Ängste bringen dich nicht vorwärts. Wenn du alles gibst und trotzdem scheiterst, ist das völlig okay. Dein Bestes ist schliesslich gut genug.

Sie arbeiten heute als selbstständiger Unternehmer und engagieren sich in diversen Projekten. Was verbindet Sie heute noch mit dem Skisport bis auf die eigene Kleidermarke?
Daniel Albrecht: Meine Skibekleidungsmarke habe ich vor meinem Unfall gegründet und zehn Jahre als Markeninhaber und Geschäftsführer geführt. Letzten Frühling habe ich die Firma und alle Markenrechte verkauft, um für etwas Neues Zeit und Energie frei zu machen. Natürlich bin ich aber trotzdem noch Teil des Ski-Zirkus. Ich bin in Kontakt mit verschiedenen ehemaligen und aktiven Fahrern, mit Trainern und anderen Leuten aus dem Business. Ausserdem habe ich mich zum Mentaltrainer, Ski- und Berufstrainer ausbilden lassen. Wenn du 20 Jahre im Skisport Zuhause bist, bleibst du Teil davon, auch wenn dein Alltag nicht mehr eng damit verflochten ist. Es ist eine Leidenschaft, die über viele Jahre gewachsen ist. Ohne diese Leidenschaft wäre ich nicht Weltmeister und Weltcupsieger geworden. Und diese Verbundenheit verlierst du auch nicht einfach, nur weil du selber nicht mehr fahren kannst. Im Skisport sind meine Wurzeln. Und darauf baut der Rest meines Lebens auf.

Veranstaltung zum Thema Veranstaltung zum Thema:

Vortragsreihe im Rahmen der "Woche des Gehirns"
Wissenswertes rund um das menschliche Gehirn

Never give up: Von 100 auf 0 und wieder zurück!
Daniel Albrecht, Ex-Skirennfahrer und Unternehmer, Vortrag in Walliser Mundart.

Einführung in die Thematik Schädelhirntrauma durch Prof. Dr. med. Ulrich Buettner, ehem. Chefarzt Klinik für Neurologie Kantonsspital Aarau und Vorstandsmitglied Fragile AG/SO Ost

Datum: 14.03.2019
Zeit: 19:00 bis 20:00 Uhr
Ort: Hörsaal Haus 1

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Seit 2018 im Team Marketing und Kommunikation arbeitet Markus Moser pragmatisch, mit- und vorausschauend bei Events, Texterstellung und Bildverarbeitung mit. Nach einer Informatikerlehre und dem Bachelorstudium in Kommunikationswissenschaften an der Universität Luzern absolviert er aktuell an der Hochschule Luzern den Master of Science in Business Administration mit Vertiefung in Public und Non-Profit Management.