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Ralph Schröder, 07.10.2019

Schröders Alternativmedizin: Die Gerontorhythmik

Wissenswertes aus der Welt der Paramedizin. Eine Glosse

Auf dem Flur des 5. Stockwerkes im Alten- und Pflegeheim «Route 66» in Warnemünde schiebt Heimbewohner Günther seinen Rollator mit beachtlicher Geschwindigkeit vorwärts, gefolgt von Roswita, mit einem breiten Grinsen auf dem Gesicht. Der gehbehinderte Klaus-Dieter ist gerade im Begriff, die beiden mit seinem elektrischen Rollstuhl zu überholen, und schreit lauthals: «Vollgas, ich hab’ euch!» Aus den Lautsprechern im Flur dröhnt laute Musik: Steppenwolf – «Born To Be Wild» aus dem Film «Easy Ryder». Roswita schüttelt ihr dauergewelltes Haar zum Rhythmus der Musik, Günther justiert sein Hörgerät, um noch mehr Power auf seine Ohren zu bekommen.

Ein Stockwerk tiefer im grossen Physioraum ist ein stampfender Rhythmus zu hören, unverkennbar: «We Will Rock You» von den «Queen». Die hier versammelten Heimbewohner bearbeiten mit ihren Krückstöcken freudestrahlend den Parkettboden zum Rhythmus des altbekannten Gassenhauers. Vorne steht Physiotherapeutin und Musikpädagogin Annelies Lautenschlager und freut sich über so viel Aktivität ihrer Schützlinge. Ohne Zweifel, hier ist Leben in der Bude.

Alte Leute auf Motorrad

Seit zwei Jahren schon betreibt Annelies Lautenschlager mit ihrem auf Musik und Agogik basierenden Konzept das «Route 66» in Warnemünde und feiert damit bahnbrechende Erfolge in der Altersmedizin. Das Konzept der sogenannten «Gerontorhythmik» hat sie zusammen mit dem Geriater Prof. Manfred Klopstock entwickelt. «Musik und Rhythmik aktivieren die Selbstheilungs- und Regenerierungskräfte», erklärt Klopstock. «Das funktioniert vor allem bei alten, insbesondere bei dementen, ja sogar bei Alzheimer-Patienten. Wir zapfen deren unbewusste Erinnerungen an. Altersbedingte Erkrankungen geraten beim Hören von Musik in Vergessenheit. Wir setzen bewusst auf diese Form der Vergesslichkeit», so der Geriater.

Die Folge: Medikamente könnten niedriger dosiert werden. Hohe Musikdosis, niedrige Medikamentendosis, so lautet das Erfolgs­rezept des Konzepts «Gerontorhythmik» aus Warnemünde. Oder wie es Klopstock wissenschaftlich zu formulieren versucht: «Wir begegnen der altersbedingten Polymorbidität mit Polyphonie.»

In Fachkreisen werden Klopstock und Lautenschlager belächelt und kritisiert. Von Ohrenwischerei ist die Rede, von Betrug und taktloser Geldmacherei. Doch die Wartelisten für das «Route 66» sind lang. «Wir bekommen jetzt schon Anfragen von Dreissigjähren, die uns ihre Playlists senden», sagt Lautenschlager. Auch ich habe mich angemeldet. Zuoberst auf meiner Liste: «Heaven Can Wait» von Meat Loaf, «Hells Bells» von AC/DC und «(I Can’t Get No) Satisfaction» von den Rolling Stones.

Autor

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Redaktor/Stv. Mediensprecher

Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter ist Ralph Schröder seit 2011 ein engagierter und bedachter Texter für das KSA, der es jederzeit versteht, dem geschriebenen Wort Verständnis und Sinn einzuimpfen.