Vorschaubild
Ralph Schröder, 26.08.2019

Schröders Alternativmedizin: Die Lunarmedizin

Wissenswertes aus der Welt der Paramedizin. Eine Glosse

 «Abzocke in Krakau. Polnisches Privatspital führt Mondpauschalen ein.» Was wie ein schlechter Scherz klingt, ist offenbar doch wahr. Das Krakauer «Szpital Pełnia Ksie˛ z˙yca» unter der Leitung von Dr. med. Pawel Lunarski verlangt laut Berichten der Berliner TAZ seit dem vergangenen Jahr für besondere Behandlungen und Eingriffe in der Nacht und bei bestimmten Mondkonstellationen Tarifzuschläge. Sämtliche planbaren Operationen und Untersuchungen im Spital werden seither am Mondkalender ausgerichtet. Die Entfernung eines Nierensteins bei abnehmendem Mond etwa ist teurer als bei zunehmendem, eine Darmspiegelung hingegen bei abnehmendem Mondstand günstiger als bei Zunahme. Erfolgen die Eingriffe nach Mondaufgang, wird zusätzlich ein Nachtaufschlag verrechnet. «Der Mond als Nachtgestirn entfaltet seine Wirkkraft vor allem in der Dunkelheit», begründet Lunarski den Zuschlag. Die Wirkkraft des Mondes ist es denn auch, auf dem die gesamte Lunarmedizin Lunarskis aufbaut. «In der biodynamischen Landwirtschaft und in der Anthroposophie ist die universelle Bedeutung und der Einfluss des Mondes auf das Wachstum und den menschlichen Körper längst anerkannt», erklärt Annegret Finster, Astromedizinerin und Befürworterin von Lunarskis Mondscheinklinik.

Am liebsten auf den Mond schiessen würde beide hingegen Harald Lichtnecker von der TAZ. Er spricht von Mond-zu-Mond-Propaganda, wenn er über das zwielichtige Duo wettert. Die Mondmedizin sei das ultimative Mondkalb unter den alternativen Neodisziplinen, ein goldenes dazu, wenn man bedenke, was es abwerfe, ohne dass dafür etwas geleistet werden müsse.

Dr. Pawel Lunarski geniesst jedoch das volle Vertrauen seiner Privatpatienten, die offenbar gerne bereit sind, die Mondpauschalen zu berappen. «Für eine Augenoperation bei Leermond sind die Leute bereit, den doppelten Tarif zu zahlen, und letztes Jahr hat sich ein polnischer Oligarch die Herzklappen bei einer totalen Mondfinsternis für eine Million Euro austauschen lassen. Bis Ende Jahr restlos ausgebucht ist bspw. auch die Mondlichttherapie bei Vollmond auf der spitaleigenen Dachterasse. Wir Polen sind eben sehr gläubige Menschen», versucht Lunarski die breite Akzeptanz seiner Mondzuschläge zu erklären, und verweist dabei auf Papst Wojtyła, Johannes Paul II., der täglich den Mond zu segnen pflegte. Den Vorwurf der Abzocke lässt Lunarski nicht gelten. Unsere Patienten können immer zwischen zwei Behandlungsvarianten wählen, eine teurere oder günstigere, bei zu- oder bei abnehmendem Mond. Bei Voll- und Neumond und insbesondere bei Mondfinsternis gelten Sondertarife. «Glauben Sie mir, die Leute wählen, wenn immer möglich, die teure Variante», sagt Lunarski. «Meine  Mondmedizin stellt einfach alles in den Schatten.» •

Autor

Profile picture for user rschroeder
Redaktor/Stv. Mediensprecher

Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter ist Ralph Schröder seit 2011 ein engagierter und bedachter Texter für das KSA, der es jederzeit versteht, dem geschriebenen Wort Verständnis und Sinn einzuimpfen.