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Ralph Schröder, 16.09.2019

Schröders Alternativmedizin: Die Onkelogie

Wissenswertes aus der Welt der Paramedizin. Eine Glosse

Haben Sie vielleicht auch einen Onkel in Ihrer Familie, der aus der Reihe tanzt? Der krumme Geschäfte macht, in dubiose Machenschaften verwickelt ist oder sich sonstwie auffällig verhält? Leidet er zufällig als einziger in der Familie unter Haarausfall, besitzt grimmige Gesichtszüge, tritt kaltschnäuzig auf oder spricht mit gespaltener Zunge? Der forensische Genetiker Gian-Luca Genovese vom Genueser Institut für Rechtsmedizin und sein Fachkollege aus der Medizinischen Genetik Prof. Dr. Gennaro Criminelli von der Universität Palermo wollen jetzt eine Erklärung dafür gefunden haben, warum in gewissen Familien bestimmte negative Eigenschaften von männlichen Nachkommen von Generation zu Generation immer nur an eines von mehreren männlichen Geschwistern weitergegeben wird.

Dieser Onkeleffekt, wie die beiden dieses genetische Phänomen bezeichnen, wird begründet durch die besondere Fähigkeit eines Gens, das sie kürzlich auf dem nur bei Männern vorhandenen Y-Chromosom entdeckt haben wollen. Beide Wissenschaftler haben sich jahrzehntelang mit der DNA von Mitgliedern der italienischen Mafia-Gruppierungen Cosa Nostra, Camorra und ’Ndrangetha beschäftigt. Aufgefallen ist ihnen dabei die Position eines Gens, das sich offenbar sprunghaft verhält und sich jeweils von Generation zu Generation immer wieder bei einem der männlichen Nachkommen an gleicher Stelle in der DNA wiederfindet. Die Tatsache, dass das Gen jeweils immer beim jeweiligen Oberhaupt der kriminellen Mafia-Vereinigung an gleicher Stelle auftaucht, die Rolle des Paten also immer von demjenigen Neffen übernommen wird, der über das gleich positionierte Gen verfügt, erklärt für Genovese und Criminelli, dass dieses Onkel-Gen (ital. «il gene dello zio»), wie sie es nennen, potenzierte kriminelle Eigenschaften auf sich vereinigt. Dr. Kriemhild Mannhart, Feministin der ersten Stunde und GenderForscherin, zeigt sich empört über den männerzentrierten Ansatz ihrer Wissenschaftskollegen. Die zweifelhafte Forschung Genoveses und Criminellis verfolge nur einen Zweck: die Dominanz des Mannes genetisch untermauern zu wollen. In ihrem kulturkritischen Aufsatz «Die Onkelogie – eine herrschaftlich-genetische Legitimation der Vetternwirtschaft aus dem Geist des Machismo» stellt sie die beiden italienischen Genetiker an den Pranger. Genovese und Criminelli kontern in einem TV-Interview onkelhaft: «Ach Tantchen, lass gut sein!»

Autor

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Redaktor/Stv. Mediensprecher

Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter ist Ralph Schröder seit 2011 ein engagierter und bedachter Texter für das KSA, der es jederzeit versteht, dem geschriebenen Wort Verständnis und Sinn einzuimpfen.