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Ralph Schröder, 18.04.2019

Schröders Alternativmedizin: Die Transzendentalhygiene

Wissenswertes aus der Welt der Paramedizin. Eine Glosse

«Sie fühlen sich neuerdings, als ob Sie auf dem Zahnfleisch gingen, als ob Ihnen jemand den Zahn gezogen hätte? Der Zahn der Zeit nagt an Ihrer Seele und im Geschäft werden Sie tagtäglich angemahnt, endlich mal einen Zahn zuzulegen. Zähneknirschend fügen Sie sich in Ihr Schicksal, beissen weiter die Zähne zusammen und prompt wird Ihnen zu Hause vorgeworfen, dass Sie wie ein zahnloser Tiger herumlaufen, und auch sonst wird Ihnen ordentlich auf den Zahn gefühlt. Wenn es Ihnen so ergeht, Sie sich so oder ähnlich fühlen und sich sagen, das kann so nicht weitergehen, dann sind Sie womöglich reif für eine Transzendentalhygiene. Was das sein soll? Eine Befreiungstherapie, die den täglichen Zumutungen und Anfechtungen buchstäblich die Zähne zeigt und die Übel, die Ihnen widerfahren, an der Wurzel packt.» Das Zitat stammt aus der Werbebroschüre des jüngst in Gmund am Tegernsee eröffneten Praxiszentrum für Transzendentalhygiene und Psychodontie.

Die Methode der Transzendentalhygiene hat der Liechtensteiner Kiefer­orthopäde und Psychiater Dr.med. Dr.med.dent. Melchior Weissmacher zusammen mit dem Psychodontiker Karl-Otto von Scheinemann entwickelt. «Die Transzendentalhygiene ist aus meinem ganzheitlichen zahnheilkundlichen Ansatz heraus entstanden. Der meridiane Zusammenhang zwischen Zähnen und unseren Organsystemen ist hinlänglich bekannt und nachgewiesen, ebenso der Einfluss auf unsere Psyche bei Störungen im Meridiansystem», so Weissmacher. Kollege Scheinemann spricht auch vom dental-mentalen Komplex. Dieser Zusammenhang reiche bis in den volkstümlichen Sprachgebrauch, wie die zahlreichen Redewendungen mit Zähnemetaphern belegten. Weissmacher spricht von eigentlichen Dentalmetaphern.

In der praktischen Transzendentalhygiene werden die Patienten in liegender Position gebeten, auf einen über der Liege montierten, grossflächigen Spiegel zu «starren». Zwischen ihren Zähnen klemmt eine transparente Gummischiene. Nach einer vorgängigen pyschodontischen Anamnese, bei der es darum geht, die Ursachen der seelischen Verstimmung visuell zu manifestieren, werden die entsprechenden Bilder wie beispielsweise Gesichter von unliebsamen Vorgesetzten, Ex-Partnern, Kollegen, Politikern oder auch andere Symbolbilder auf den Spiegel projiziert. «Während der Patient so seinem Feindbild die Zähne zeigt, wird ein innerer Reinigungs- und Reflexionsprozess in Gang gebracht, der mentale Kräfte freisetzt. Es findet eine Transzendierung des Aggressionsstaus statt», so Weissmacher. Bissige Kommentare zum unkonventionellen Therapieangebot lächelt Weissmacher gerne weg: «Mir ist klar, dass sich meine Kritiker die Zähne an meiner Methode ausbeissen, aber der Erfolg gibt mir recht. Die Zahl meiner Kunden steigt.»

Autor

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Redaktor/Stv. Mediensprecher

Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter ist Ralph Schröder seit 2011 ein engagierter und bedachter Texter für das KSA, der es jederzeit versteht, dem geschriebenen Wort Verständnis und Sinn einzuimpfen.