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Ralph Schröder, 05.06.2019

Schröders Alternativmedizin: Traditionelle Humanpathologie

Wissenswertes aus der Welt der Paramedizin. Eine Glosse

Die Symptome sind menschlich und allzu bekannt. Die Zuschreibungen und Reaktionen oft verheerend, der Leidensdruck hoch und ärztlicher Rat meist erfolglos und dennoch teuer. Wir sprechen über häufige, oft nur temporär in Erscheinung tretende Erkrankungen wie beispielsweise das Lampenfieber, den Schrei- oder Lachkrampf, den Müssiggang, die Sehnsucht oder den Lebenshunger. Auch das Fernweh gehört in die Kategorie dieser humanen Leiden ebenso wie der sehr verbreitete Ohrwurm oder die Hirnverbranntheit. Ganz neue Therapien für solche «Künstlerkrankheiten», wie diese Leiden im Volksmund gerne genannt werden, verspricht jetzt Mag. Maximilian Ungewiss, Leiter des kürzlich eröffneten Zentrums für Traditionelle Humanpathologie in Klagenfurt.

Als wahrlich hirnverbrannt bezeichnen Kritiker sowohl Theorie als auch Behandlungsmethodik von Ungewiss. Der Magister gehöre selbst behandelt und sei ein Fall fürs Irrenhaus, so sein grösster Antipode, Hofrat Gregor Krankl, Intendant des Wiener Burgtheaters.

Doch Ungewiss zeigt sich unbeirrt: «Nennen Sie mir einen Menschen, der nicht schon unter Sehnsucht oder Fernweh gelitten hat oder von Lebenshunger gequält wurde. Wir behandeln Mager- und Alkoholsucht, verschreiben Medikamente gegen Kopf- und Zahnweh, behandeln Sumpf- und das Dengue-Fieber, verweigern hingegen medizinische Hilfe bei Sehnsucht, Fernweh oder Lampenfieber.» Das sei doch höchst inhuman, so der Magister.

Ungewiss’ Behandlungsmethoden reichen von konservativen über paradox- konfrontative Interventionen bis hin zu o(h)ralen Medikationen. So werden beispielsweise Menschen, die an einem Ohrwurm leiden, aryhthmisch fliegende Flöhe ins Ohr gesetzt. Diese Wurmkur führt zu einer temporären Versteifung der Gehörknöchelchen und damit zu einer Verzerrung hörbarer Harmonien. Lach- und Schreikrampfpatienten wiederum werden paarweise behandelt, erläutert Ungewiss eine seiner Interventionen. Schreikrampfer verstummen, wenn sie Lachkrampfern gegenüberstehen und umgekehrt. Das Gleiche funktioniere, wenn Fernweh-Leidende eine Woche mit Müssiggängern verbringen müssten. Therapiewillige Müssiggänger hingegen werden mit Lebenshungrigen ins Intensivtraining geschickt. Vorschläge, Fernweh-Patienten einfach Reisegutscheine anzubieten, hält Ungewiss für reine Symptombekämpfung. Unkonventionell klingt auch seine Behandlung von Lampenfieber: Mit Lampenfieber Kämpfende stehen ja bekanntlich unter Strom. Dagegen verschreibt Ungewiss ein selbst entwickeltes, elektrolytisches Getränk mit Namen «Load Down», das den Patienten quasi den Stecker zieht.  Bleibt noch die Sehnsucht, die Ungewiss konservativ behandelt, ähnlich wie die Hirnverbranntheit. Für beides empfiehlt er das Überstülpen einer 2,5 Stunden im Tiefkühlfach gefrorenen Skimütze.

Autor

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Redaktor/Stv. Mediensprecher

Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter ist Ralph Schröder seit 2011 ein engagierter und bedachter Texter für das KSA, der es jederzeit versteht, dem geschriebenen Wort Verständnis und Sinn einzuimpfen.