Noemi Landolt, 28.07.2020

Corona-Virus: «Sollen die Enkel im Auto eine Maske tragen?»

PD Dr. Christoph Fux, Chefarzt Infektiologie, beantwortet Leserfragen für die Aargauer Zeitung

Eine Stunde lang hat Chefarzt Christoph Fux am Mittwoch die Fragen der AZ-Leserinnen und AZ-Leser beantwortet. Er hat sie ermutigt, ihre Enkel zu hüten, Ferien zu machen und trotzdem weiter vorsichtig zu bleiben.

Das Coronavirus bestimmt und verändert unseren Alltag. Zwar hat der Bundesrat die Massnahmen gelockert, aber lohnt es sich wirklich, das Risiko einzugehen? Ferien zu machen, obwohl man dort Menschen trifft, denen man sonst nicht begegnen würde? Es gehe darum, einen gesunden Umgang mit der neuen Situation zu finden, sagt Christoph Fux, Chefarzt Infektiologie am Kantonsspital Aarau (KSA). Am Dienstagnachmittag hat er die Fragen der AZ-
Leserinnen und AZ-Leser beantwortet und dabei betont, dass es falsch wäre, jetzt einfach auf alles zu verzichten. Zumal im Moment niemand wisse, wann die Coronapandemie vorbei ist und was im Herbst und Winter passiert, wenn die Grippe wieder Thema wird.

Im Zweifelsfall würde ich eher in der Schweiz oder in umliegenden Ländern bleiben.

Christoph Fux

1. Reisen

Meine Tochter arbeitet für das Rote Kreuz in Schwarzafrika. Mein Mann und ich feiern bald unseren 50. Hochzeitstag. Muss unsere Tochter in Quarantäne oder einen Test machen, wenn sie für das Fest einreist?

Im Moment ist das Land nicht auf der Liste der 29 Staaten, bei denen man nach Einreise in die Schweiz in Quarantäne muss. Das Problem bei afrikanischen Ländern ist, dass wir nicht genau wissen, was dort passiert, weil einfach viel weniger getestet werden kann. Ihre Tochter muss sich vor allem auf dem Weg gut schützen. Sie soll eine Maske tragen, die Hände desinfizieren oder regelmässig waschen. Wenn sie nach der Ankunft keine Symptome entwickelt, soll sie ans Fest kommen, wenn sie Symptome hat, soll sie nicht kommen und sich testen lassen.

Soll sie sich nicht sowieso testen lassen?

Nein. Sich ohne Symptome testen zu lassen, macht keinen Sinn, weil wir nur eine Aussage machen können über den Tag der Testung. Es ist keine Garantie, dass man nicht krank wird und schon am nächsten Tag ansteckend ist.

Ich bin 70 Jahre alt und habe Vorerkrankungen. Im August möchte ich vier Tage mit einer Gruppe in der Schweiz Ferien machen. Ich bin mir aber nicht sicher, ob ich gehen soll.

Sie haben ein erhöhtes Risiko – sicher wegen Ihres Alters und auch wegen Ihrer beschriebenen Vorerkrankungen. Auf der anderen Seite muss man im Moment abwägen. Man kann nicht sagen, man macht das ganze Leben nichts mehr. Deshalb würde ich Sie ermuntern, in die Ferien zu gehen. Was aber wichtig ist: Wenn jemand aus der Reisegruppe in den letzten zehn Tagen ungeschützten Kontakt zu einer erkrankten Person mit Covid-19 hatte, sich selber krank fühlt oder Symptome hat, dann soll diese Person nicht mitkommen. Mit diesen Vorkehrungen und unter Einhalten der üblichen Sicherheitsdistanz würde ich es aber wagen.

Mit Schutzmaske im Zug
Christoph Fux: «Im Zweifelsfall würde ich eher in der Schweiz oder in umliegenden Ländern bleiben.» Foto: Getty Images

 

Wir haben noch eine weitere Reise geplant. Ende August wollten wir nach Slowenien.

Das ist heikler. In Osteuropa gibt es mehr Fälle. Einige Länder sind bereits auf der Liste der Risikostaaten. Im Zweifelsfall würde ich im Moment eher in der Schweiz oder in umliegenden Ländern bleiben, wo Sie genauer wissen, wie die Lage ist. Wenn ein Land tiefe Zahlen ausweist, heisst das nämlich nicht zwingend, dass es kaum Fälle gibt. Es kann auch sein, dass dieses Land einfach zu wenig testet, weil die Ressourcen fehlen.

Wir haben einen Arbeiter, der drei Wochen nach Bosnien in die Ferien reist. Kann er nach der Reise normal zur Arbeit kommen oder sollen wir einen Test verlangen?

Bosnien ist im Moment nicht auf der Liste der Risikostaaten. Das Bundesamt für Gesundheit wird die Liste aber laufend anpassen. Wenn Bosnien auf die Liste kommt, ist ihr Mitarbeiter verpflichtet, nach der Rückkehr zehn Tage in Quarantäne zu gehen. Er muss sich auch innerhalb von zwei Tagen beim Contact-Tracing-Center des Kantons melden. Für Sie heisst es, dass er zehn Tage nicht arbeiten wird. Für ihn heisst es, dass er zehn Tage keinen Lohn bekommt. Die Quarantäne nach Reisen in Risikogebiete ist nicht ersatzberechtigt.

Reisen in Zeiten von Corona
Wer in ein Risikoland reist, muss danach in Quarantäne. Foto: Getty Images

 

Meine Putzfrau ist in Sizilien. Drei Tage nach ihrer Rückkehr will sie bei mir putzen. Ist das ein Problem?

Nein, das ist kein Problem. Sizilien hatte nur ganz wenige Fälle. Und Italien ist auch nicht auf der Liste der Risikostaaten. Ich würde deshalb nur die Regel aufstellen, dass Ihre Putzfrau nicht kommt, wenn sie in den letzten zehn Tagen Kontakt zu einer infizierten Person hatte oder sich selber krank fühlt.

2. Masken

Ich bin in einem Wanderclub und wir sind ab und zu mit dem Auto unterwegs. Wir kennen einander gut, sind aber aus verschiedenen Haushalten. Würden Sie uns für die Autofahrt Masken empfehlen?

Es braucht im Moment Augenmass. Will man die maximale Sicherheit, würde es heissen, dass man in einem geschlossenen Raum, also auch in einem Auto, eine Maske trägt. Wenn Sie die Leute gut kennen, können Sie aber auch vereinbaren, dass jemand nicht wandern kommt, wenn er sich krank fühlt, Symptome hat oder in den letzten zehn Tagen Kontakt zu einer erkrankten Person hatte. Das ist auch bereits ein sehr vernünftiger Schutz. Ist man mit Bekannten unterwegs, können wenigstens alle schnell in Quarantäne gehen, wenn sich einer aus der Gruppe angesteckt hat.

Dann wäre es also nicht falsch, im Auto immer eine Maske zu tragen?

Es ist nie falsch, eine Maske zu tragen. Wenn Sie sich unsicher fühlen, tragen Sie eine. Wichtig ist aber auch das korrekte An- und Ausziehen: Möglichst nur an den Gummibändern berühren.

Christoph Fux in Schutzkleidung
Schutzbrille, Maske und Schürze: KSA-Chefarzt Christoph Fux zeigt, wie sich das Spitalpersonal schützen kann.

 

Schützt eine Maske nur mein Gegenüber oder auch mich selbst?

Wir sind überzeugt, dass man sich mit einer Maske auch selbst schützen kann. Das Coronavirus wird über Tröpfchen übertragen und Tröpfchen können die Maske nicht durchdringen. Wenn Sie eine Maske tragen und Sie von jemandem ohne Maske angehustet werden, schützt Sie die Maske. Wichtig ist hier zu realisieren, dass man mit den Masken mit den Ausblasventilen nur sich selber, nicht aber den anderen schützt.

Ich habe mir selbst eine Maske aus Stoff genäht. Ist die sicher?

Bunte, selbstgenähte Stoffmasken sind zwar ein toller Hingucker, sie sind aber bezüglich Schutzwirkung leider nicht sicher. Handelsübliche Einwegmasken müssen Mindeststandards einhalten, die bei selbstgenähten Masken üblicherweise nicht erreicht werden.

Sollen unsere Enkel, wenn wir im Auto unterwegs sind, eine Maske tragen?

Es ist eine schwierige Frage, wie man mit den Kindern umgehen soll. Untersuchungen zeigen, dass sich Kinder selten mit dem Coronavirus anstecken und wenig ansteckend sind. Wenn die Enkel im Auto hinten sitzen, würde ich auf eine Maske verzichten. Wenn das Enkelkind vorne sitzt, ist das Risiko grösser und ich würde eine Maske eher empfehlen. Es müssen aber nicht unbedingt beide eine tragen. Es reicht auch, wenn nur Sie eine Maske tragen.

Mit Schutzmaske im Bus
Für Kinder ist das Tragen einer Maske im öffentlichen Verkehr erst ab 12 Jahren Pflicht. Foto: Getty Images

 

Was mache ich mit der Maske, wenn ich kurz etwas essen oder trinken will?

Sie unters Kinn zu klemmen, ist keine gute Idee. Am besten ist es, sie auf der Seite an den Gummibändern zu lösen. Am meisten schief geht, wenn die Maske aussen angefasst wird. Dann kommen möglicherweise Viren auf die Hände und können von dort schnell in den Mund oder in die Nase gelangen. Deshalb ist es wichtig, immer die Hände zu waschen oder zu desinfizieren, nachdem man eine Maske angefasst hat.

Ich muss im Spital ein MRI machen. Ich reise mit dem Zug an. Bis ich wieder zuhause bin, dauert es etwa acht Stunden. Muss ich die Maske dazwischen mal wechseln?

Wir brauchen im Spital eine Maske für eine Schicht. Wir tragen sie also auch über acht Stunden. Sie können gut einfach eine Maske nehmen. Ich empfehle Ihnen aber, einen Papierbeutel mitzunehmen, wenn Sie die Maske dazwischen mal ausziehen. Im schlimmsten Fall hat es aussen an der Maske nämlich Viren, deshalb sollte man sie nicht einfach in die Tasche werfen oder in die Jackentasche stopfen. Sie können die Maske mit der Innenseite gegen innen zusammenfalten und in den Beutel legen. Nachdem Sie die Maske in den Beutel gelegt haben, sollten Sie die Hände desinfizieren oder mit Seife waschen. Im MRI können Sie die Maske ausziehen. Das Gerät kann Sie nicht anstecken und das Personal im Spital hat genug Abstand.

Mit Schutzmaske im Einkaufszenrum
Nicht vollständig sicher: Die Gesichtsmaske bietet den besseren Schutz vor Ansteckung mit dem Coronavirus als das Plastikvisier. Foto: Getty Images

 

Ich muss regelmässig in die Lymphdrainage. Die Therapeutin trägt keine Maske, sondern ein Visier aus Plastik. Das Visier ist unten offen und schützt doch zu wenig.

Zu diesem Thema wurde erst kürzlich eine wissenschaftliche Arbeit veröffentlicht. Es kann durchaus sein, dass Visiere je nach Kopfposition schlechter schützen. Sie können sich selber helfen und Ihrerseits eine Maske tragen.

3. Corona-App

Ich habe die SwissCovid-App installiert. Was passiert, wenn sich eine Person, der ich begegnet bin, angesteckt hat?

Die App teilt Ihnen mit, dass Sie beispielsweise am 13. Juli einen Risikokontakt hatten. Sie müssen dann selbst überlegen, wo es Situationen gab, in denen Sie Personen während mehr als 15 Minuten näher als 1,5 Meter kamen. Beim Einschätzen des Risikos helfen Ihnen die Mitarbeitenden des Contact-
Tracing-Centers oder der BAG-Hotline. Danach wird entschieden, ob eine Quarantäne angeordnet werden muss. Unabhängig davon können Sie nach einer solchen Meldung natürlich Ihr Verhalten anpassen und in den nächsten zehn Tagen zum Beispiel darauf verzichten, in einem Club zu feiern oder Ihre betagten Eltern oder Grosseltern im Pflegeheim zu besuchen.

Swiss Covid-App
Die Schweizer Coronavirus-Warn-App für Mobiltelefone soll den Benutzer warnen, falls er sich mindestens 15 Minuten in unmittelbarer Nähe eines Infizierten befunden hat.

 

Weiss das Contact-Tracing-Center mehr über die Person, die mich gemäss SwissCovid-App-Meldung vielleicht angesteckt hat?

Nein. Rückschlüsse auf die Person sind nicht möglich; das ist alles streng anonym. Die Mitarbeitenden können mit Ihnen zusammen aber den Tag durchgehen. Sie fragen, was Sie getan haben, ob Sie im Zug oder Bus unterwegs waren, ob Sie in einer Bar oder in einem Club waren. Vielleicht zeigt sich dann, dass Menschen, die am gleichen Tag wie Sie in einer Bar waren, bereits in Quarantäne sind und Sie eigentlich auch auf die Liste der Kontaktpersonen gehört hätten.

Würden Sie die App empfehlen?

Ja. Die App kann in Situationen, in denen wir uns ungeschützt in der Menge bewegen und somit eine direkte Nachverfolgung im Falle einer Coronavirus-Infektion nicht möglich ist, eine wertvolle Hilfe bei der Warnung potenziell exponierter Personen leisten.

4. Freizeit/Alltag

Warum stecken sich eigentlich bei den Ereignissen in Clubs so viele Leute auf einmal an?

Einerseits ist es schwierig, in dieser Umgebung die Abstandsregeln einzuhalten und jeder Einzelne hat zudem Kontakt mit vielen weiteren Personen. Andererseits kann das laute Sprechen und Singen die Übertragung der Viren begünstigen.

Mit Schutzmaske am Konzert
Im Ausgang ist die Ansteckungsgefahr besonders gross: «Das laute Sprechen und Singen kann die Übertragung der Viren begünstigen.» Foto: Getty Image

 

Meine Tochter ist schwanger. Ist das Coronavirus eine Gefahr fürs Ungeborene?

Bei jungen, gesunden Leuten ist ein schwerer Verlauf der Krankheit sehr selten. Mir ist bis jetzt keine wissenschaftliche Arbeit bekannt, die sagt, dass Schwangere besonders gefährdet sind.

Darf ich meine Enkel zur Begrüssung umarmen?

Umarmen geht schon. Einfach küssen, auf den Schoss nehmen und eng kuscheln, sollten Sie eher nicht.

Ich bin 74 Jahre alt und habe – bis zum Lockdown – regelmässig meine Enkel betreut. Soll ich sie nach den Sommerferien wieder hüten?

In der momentanen Situation würde ich das wieder machen. Auch aus der Überlegung heraus, dass man sich ja nicht einfach alles verbieten kann. Wir wissen nicht, wie lange die Coronapandemie dauert und wann sie vorbei ist. Enkel hat man aber jetzt und irgendwann werden sie älter und wollen nicht mehr gehütet sein. Darauf sollte man trotz Restrisiko nicht verzichten. Das Risiko, das von Kindern unter zwölf Jahren ausgeht, ist ausserdem sehr gering. Wenn Sie sich zusätzlich schützen möchten, können Sie eine Maske tragen, wenn Sie Ihre Enkel hüten.

Wie lange überlebt das Virus auf Kleidern oder Türfallen?

Das ist eine schwierige Frage. Die Viren leben länger je wärmer und je feuchter es ist. Von einem Kleidungsstück werden die Tröpfchen relativ schnell aufgesogen. Auf einer Oberfläche sterben sie schnell, sobald das Tröpfchen getrocknet ist. Sie müssen die Oberflächen übrigens nicht desinfizieren. Es reicht zum Beispiel, wenn Sie Plastik-Tischsets nach dem Essen mit einem Lappen und normalem Spülmittel abreiben. Wenn Sie vom Einkaufen nach Hause kommen, ist es wichtig, die Hände gründlich mit Seife zu waschen. Ganz allgemein sollten wir auch lernen, uns nicht immer ins Gesicht zu fassen. Je weniger wir das tun, desto kleiner ist die Wahrscheinlichkeit, dass Viren, die auf den Händen sind, auf die Schleimhäute gelangen. Nur so sind Ansteckungen möglich.

Titelbild: Aargauerzeitung, Britta Gut

Autor

Journalistin, AargauerZeitung