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Was, wenn die Gefässe erkrankt sind?

Valeria Pagani, 20.12.2019
Zwei Chefärzte klären auf

Das Kantonsspital Aarau (KSA) hat mit Prof. Dr. Christoph Thalhammer und Dr. Andrej Isaak seit 2019 zwei neue Chefärzte in der Gefässmedizin. Sie verraten, wie sie in enger Teamarbeit kranke Gefässe behandeln und weshalb die intensive Zusammenarbeit wichtig ist.

Herr Prof. Dr. Thalhammer und Herr Dr. Isaak, Sie haben beide 2019 die Position als Chefarzt Ihrer Abteilung angetreten. Wie haben Sie Ihre ersten Monate erlebt?
Dr. Isaak: Ich wurde sehr gut aufgenommen und habe tolle Kolleginnen und Kollegen aus meinen Ausbildungszeiten im KSA von vor über einem Jahrzehnt wieder getroffen. Die letzten sechs Monate waren sehr intensiv und spannend. Eine Herausforderung war es von Anfang an, die Abteilungen der Angiologie, interventionellen Radiologie und Gefässchirurgie näher zusammenzubringen und gemeinsam die Zukunft zu gestalten.
Prof. Dr. Thalhammer: Ich trat meine Stelle vor drei Monaten an und wurde extrem herzlich empfangen. Von Anfang an durfte ich auf die vollste Unterstützung meines Teams zählen. Ich gehe jeden Tag gerne zur Arbeit. Besonders die familiäre und kollegiale Atmosphäre schätze ich. Auch für mich ist es wichtig, die Zusammenarbeit zwischen der Angiologie, der Gefässchirurgie und der interventionellen Radiologie zu stärken. Unser gemeinsames Ziel ist es, ein zertifiziertes Gefässzentrum aufzubauen, das eine umfassende Betreuung von Patienten mit einer Gefässerkrankung gewährleisten kann.

«Faszinierend ist, dass wir überall im Körper tätig sind.»

Prof. Dr. Christoph Thalhammer, Chefarzt Angiologie

Was versteht man unter einer Gefässerkrankung?
Dr. Isaak: Erkrankte Gefässe können verengt oder erweitert sein. Bevor sie durch Blutgerinnsel verstopfen oder platzen, sollte die Gefässwanderkrankung frühzeitig erkannt werden und die Behandlung von einem Spezialisten erfolgen.
Prof. Dr. Thalhammer: Wir kümmern uns vor allem um die Gefässe in den Extremitäten, also in Armen und Beinen, sowie um die Gefässe im Bauch. Das betrifft einerseits die Arterien, die für die Versorgung vom Herzen hin zu den Organen zuständig sind. Aber auch die Flüsse, die von den Organen zurückgehen, also die Venen. Auch sie können erkranken und beispielsweise Thrombosen auslösen oder Krampfadern bilden.

Wie werden Gefässkrankheiten behandelt?
Prof. Dr. Thalhammer: Überall in der Medizin gibt es drei Möglichkeiten von Behandlungen. Erstens: die medikamentöse Therapie. Das heisst Tabletten, die das Blut verdünnen, das Cholesterin senken oder den Blutdruck einstellen. Zweitens: die operative Behandlung. Dies ist bei ganz schweren Fällen nötig, bei denen es zum Beispiel wirklich darum geht, ein Bein zu retten. Und dann gibt es drittens die Ballonkatheter, mit denen man von aussen in die Gefässe hineingeht, um dort Verengungen aufzusprengen oder Erweiterungen mit Prothesen zu versorgen. Je nach Komplexität und Schweregrad der Erkrankung entscheiden wir gemeinsam über die Behandlungsmethode.

Was unterscheidet denn die Gefässchirurgie von der Angiologie?
Prof. Dr. Thalhammer: Wir unterscheiden uns eben nicht, wir ergänzen uns. In der Regel ist es so, dass der Angiologe mithilfe von Blutdruckmessungen und speziellen Messungen von Blutflüssen mit dem Farbultraschall die Diagnose stellt und dann das weitere Vorgehen in Absprache mit der Gefässchirurgie und der interventionellen Radiologie definiert wird.
Dr. Isaak: Es sind, wie mein Kollege schon sagt, sich ergänzende Leistungen. Die Aufgabe des Gefässchirurgen ist es, sowohl chirurgische wie auch minimal invasive Verfahren anzubieten. Wir wollen das Beste für die Patientinnen und Patienten und deshalb arbeiten wir eng zusammen.

Wie hat sich die Gefässmedizin seit Ihrem Stellenantritt verändert? Wie gestaltet sich die Zusammenarbeit im Arbeitsalltag?
Prof. Dr. Thalhammer: Seit wir angefangen haben, gibt es neu jeden Morgen ein Treffen. Das gab es vorher nicht. Wir haben unsere Büros zwei Türen auseinander und wir sehen die Patientinnen und Patienten fast gleichzeitig. Wir haben mehr oder weniger gemeinsame Sprechstunden.
Dr. Isaak: Wir haben nicht nur die Tagesbesprechungen, wir diskutieren einmal wöchentlich auch die komplizierten Fälle zusammen. Und wir tauschen uns regelmässig mit den Kolleginnen und Kollegen der Nephrologie (Nierenkrankheiten) und der Neurologie (Nervenkrankheiten) aus. Ausserdem machen wir wöchentlich eine Videokonferenz mit dem Universitätsspital Basel. Während dieser Fortbildung stellen wir interessante Fälle und Studien vor.
Prof. Dr. Thalhammer: Wir werden uns auch als Gefässzentrum durch die Union Schweizerischer Gesellschaften für Gefässkrankheiten zertifizieren lassen; wir planen gemeinsame Forschungsprojekte und bauen Qualitätskontrollen weiter aus. Ab nächstem Jahr bieten wir einmal im Monat Kurse für Klinikmitarbeitende und Externe zu insgesamt zwölf Themengebieten an, bei denen in kleinen Gruppen praktisch geübt wird.

«Interdisziplinär werden bei uns die Fälle vollumfänglich analysiert und behandelt.»

Dr. Andrej Isaak, Chefarzt Gefässchirurgie

Wie können sich Menschen präventiv vor Gefässkrankheiten schützen?
Prof. Dr. Thalhammer: Gefässkrankheiten haben unterschiedliche Ursachen: Körperfette, Rauchen, Zuckerkrankheit, Alter. Wir empfehlen, regelmässig zum Hausarzt zu gehen, um Blutdruck, Zucker und Cholesterin kontrollieren zu lassen. Viel Bewegung und ein rauchfreies Leben sind gut und können präventiv vor Gefässkrankheiten schützen. Aber letztendlich werden wir alle alt. Jeder Mensch, der hundert Jahre alt wird, hat irgendwo erkrankte Gefässe. Ich glaube, das ist das, was das Leben limitiert. Gefässe sind überall.

Was ist Ihnen im Umgang mit Patientinnen und Patienten wichtig?
Dr. Isaak:
Hinter jedem Patienten mit seiner Erkrankung steht ein Individuum. Der Arzt sollte den Menschen spüren. Es ist mir wichtig, im Gespräch die Person hinter einer Krankheit kennen zu lernen, um bei der Behandlung auf individuelle Bedürfnisse eingehen zu können. Die Patientinnen und Patienten sollen auch wissen, dass sie jederzeit zu uns kommen können. Wir sind ihre Ansprechpersonen und unsere Teams sind rund um die Uhr für sie im Einsatz.
Prof. Dr. Thalhammer: Ich kann dem nicht viel beifügen. Ich möchte, dass jeder Patient versteht, was das Problem ist. Ich erkläre auch jedes Medikament, das ich verschreibe. Dass es zum Beispiel das Blut flüssiger macht oder verhindert, dass sich das Cholesterin in den Gefässen ablagert. Die Patientinnen und Patienten sollen das Spital lächelnd verlassen. Und das tun sie.

KSA Absender iconÖffentliche Informationsveranstaltung zum Thema: Schaufensterkrankheit: mühsam oder gefährlich?

Wann: Mittwoch 15. Januar 2020, 19:00 Uhr
Wo: Hörsaal Haus 1, Kantonsspital Aarau, Tellstrasse 25, 5001 Aarau
Kosten: freier Eintritt

Wenn sich die Wade beim Laufen nach einer schmerzfreien Gehstrecke verkrampft und sich erst nach einiger Zeit wieder entspannt, dann handelt es sich wahrscheinlich um eine arterielle Durchblutungsstörung der Beingefässe. Am Vortragsabend erfahren Sie mehr über Ursachen, Diagnose und Behandlung.

Mit:

  • Prof. Dr. med. Christoph Thalhammer, Chefarzt Angiologie
  • Dr. med. Andrej Isaak, Chefarzt Gefässchirurgie
  • Dr. med. Hans Martin Gissler, Leitender Arzt Radiologie, Leiter Interventionelle Radiologie.

Die Veranstaltung richtet sich an alle Interessierten. Nach dem Referat haben Sie die Gelegenheit Fragen zu stellen.

Autor

Redaktorin