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Chronische Schmerzen: die Pandemie, von der keiner spricht

Andreas Krebs, 18.08.2022
In der Schweiz leiden rund 1,5 Millionen Menschen unter chronischen Schmerzen. Wir können Betroffenen helfen. Wie erklärt Dr. med. Apostolos Chatzikalfas.

Herr Dr. Chatzikalfas, Ihr Vortrag zum Thema chronische Schmerzen trägt den Titel: «Die Pandemie von der keiner spricht.» Ist das nicht eine reisserische Übertreibung?
Nein, leider nicht. Jede sechste Person in der Schweiz hat chronische Schmerzen, rund 1,5 Millionen Menschen. Jeder dritte Haushalt ist betroffen. Und es ist ein globales Phänomen. Allein in den USA leiden 120 Mio. Menschen unter chronischen Schmerzen.

Wie konnte es zu dieser «Pandemie» kommen?
Das hat mit unserer Lebensweise zu tun. 60-Stunden-Wochen sind für viele Normalität. Und in der Freizeit geht der Stress weiter. Das zehrt.

Als Prävention schlagen Sie weniger Arbeit vor?
Nein. Aber dass wir mehr in die körperliche Gesundheit investieren. Mehr Pausen, Gymnastik, Bewegung an der frischen Luft. Sonst kommt irgendwann die Rechnung vom Körper, und die ist teuer.

Ab wann spricht man von chronischen Schmerzen?
In der Regel, wenn Schmerzen länger als zwölf Wochen dauerhaft anhalten. Manche Ärzte reden aber erst nach sechs Monaten von chronischen Schmerzen. So oder so – die Folgen für die Betroffenen sind gravierend.

Welche Folgen haben chronische Schmerzen?
Betroffene fühlen sich müde und älter als sie sind; viele isolieren sich sozial. Ihre Lebensqualität ist massiv eingeschränkt. 19% der Betroffenen verlieren den Job, fast jede fünfte Person. 18% sind depressiv, 13% denken an Suizid. Diesen Zusammenhang hat man erstaunlicherweise erst in den letzten Jahren erkannt. Betroffene haben insgesamt ein um bis zu 70% höheres Sterberisiko. Und, für uns Ärztinnen und Ärzte besonders bedenklich: 77% der Betroffenen denken, dass die Behandlung nicht adäquat ist.

Wieso sind Betroffene mit der Behandlung oft unzufrieden?
Da spielen verschiedene Faktoren eine Rolle. Zum einen nimmt man chronische Schmerzen noch immer nicht so ernst. Man sieht den Leuten die Schmerzen ja meist nicht an; zudem sind sie oft schwer zu lokalisieren. Dann heisst es schnell einmal, das sei psychisch oder der Betroffene ein Simulant.

«Auch diffuse Schmerzen lassen sich heutzutage gut behandeln»

Dr. med. Apostolos Chatzikalfas

Die Psyche dürfte ja auch eine Rolle spielen…
Selbstverständlich. Die Psyche spielt eine Hauptrolle. Deshalb bestehen wir auch darauf, dass unsere Patientinnen und Patienten psychologisch begleitet werden. Insbesondere wenn keine klare Lokalisation der Schmerzen möglich ist. Das kommt recht häufig vor. Der somatische, also körperliche Anteil ist meist nicht grösser als 30 bis 40%. Und auch soziale und ökonomische Aspekte spielen eine Rolle. Wir müssen uns um das Ganze kümmern, nicht nur um den somatischen Teil.

Was sind weitere Gründe für eine nicht zufriedenstellende Behandlung?
Viele Betroffene ignorieren die Schmerzen jahrelang und gehen erst zum Arzt, wenn es nicht mehr anders geht. Viele Patientinnen und Patienten bleiben zudem zu lange im Hausarztumfeld, bevor sie zum Spezialisten gehen. Sie haben dann vielleicht schon monate- oder jahrelang Opiate genommen. Opiate helfen auch für eine Weile – der Patient ist dann schmerzfrei und zufrieden. Jedoch muss die Menge stetig gesteigert werden, und irgendwann nützen selbst starke Opiate nichts mehr. Das macht die Behandlung für uns noch schwieriger. Ebenso die Tatsache, dass die Patienten immer jünger werden. Wir behandeln vermehrt auch 30-, 35-Jährige. 19% der Betroffenen sind sogar erst zwischen 18 und 30 Jahre alt. Im Schnitt liegt das Alter bei 48 Jahren.

Was bedeutet das für die Behandlung?
Bei älteren Patienten geht es darum, Lebensqualität für die letzten 10 oder 15 Jahre zu schaffen. Bei Jungen braucht es eine Strategie für 30, 40 oder mehr Jahre. Sodass die Schmerzen über den ganzen Zeitraum unter Kontrolle gehalten werden können.

Wie können Sie Betroffenen helfen?
Es gibt heutzutage mehr als genug Optionen, um die Patienten vernünftig zu behandeln und Lebensqualität zu schaffen. Es braucht Zeit und Geduld. Und wir versprechen nie Schmerzfreiheit. Wir können aber versprechen, dass wir sie auf dem Weg zu mehr Lebensqualität begleiten. Unser Hauptziel ist, dass wir die Schmerzen soweit unter Kontrolle bringen, dass sie das Leben der Patientinnen und Patienten nicht mehr einschränken.

Bei wie vielen Patienten erreichen Sie dieses Ziel?
Sinnvolle Therapievorschläge haben wir für alle unsere Patienten. Bei über 70% schaffen wir es, den Schmerz unter Kontrolle zu bekommen.

Wie schaffen Sie das?
Zunächst geht es um die ausgiebige Diagnostik, um dem Schmerz auf den Grund zu gehen. Das macht 50% unserer Arbeit aus. Viele Patienten haben mehr als ein Problem: Schmerz eins, zwei, drei. Wir bauen eine Baustelle nach der anderen ab, und zwar so, dass sich der Patient involviert fühlt und versteht, wieso wir was machen. So ist die Kooperation besser und das Vertrauen grösser. Das ist enorm wichtig. Viele sind gebrannte Kinder und von Arzt zu Arzt gerannt. Deshalb investieren wir so viel, um das Vertrauen der Patienten zu gewinnen. Wir sind auch offen und sagen, dass es ein langer Prozess sein kann, bis der Schmerz nachlässt und Lebensqualität gewonnen wird. In vielen Fällen können wir den zugrundeliegenden Schmerzmechanismus identifizieren. Gemeinsam mit den Patienten erstellen wir dann ein individuelles Therapiekonzept.

Und wie sieht die Behandlung aus?
Zuerst behandeln wir konservativ. Wir optimieren die medikamentöse Einstellung. Sehr viel Wert legen wir auch auf die Physiotherapie. Dann gibt es die Möglichkeit der Infiltration. Mittels Spritzen werden Medikamente direkt an der Ursache der Schmerzen abgegeben. Wenn auch das nichts hilft, haben wir in Aarau auch noch die Möglichkeit der Neuromodulation (siehe Unterhänger). Diese ist minimalinvasiv und voll umkehrbar. Eine Operation ist nur sehr selten nötig.

Nerven werden nicht mehr getrennt?
Es gibt noch Kliniken, die das machen. Diese Therapie war vor allem in den 80ern sehr beliebt; sie soll auch in den 80ern bleiben.

 

Chatzikalfas OP
Schmerzspezialist Dr. med. Apostolos Chatzikalfas: «Nicht Schmerzfreiheit ist unser Ziel, sondern Lebensqualität.»

Zur Person
Dr. med. Apostolos Chatzikalfas ist Schmerzexperte und seit 1. Oktober 2021 Leiter der 2017 gegründeten Neuro Pain Unit (NPU) im KSA. Vorher war er in der Schmerzklinik Basel tätig, zuvor in den Unikliniken Düsseldorf und Köln. Seit 2006 beschäftigt er sich intensiv mit dem Thema chronische Schmerzen. In dieser Zeit hat er gelernt, «fast jede Form von Schmerz zu behandeln», sagt er.

Neuro Pain Unit

In der Neuro Pain Unit (NPU) in Aarau werden Patientinnen und Patienten mit chronischen Schmerzen behandelt, unabhängig von der Ursache. Dabei werden konservative, interventionelle und im Einzelfall auch operative Therapien angewendet. «Wir sind in der Lage, den Patienten das gesamte Portfolio der Schmerztherapie anbieten zu können, inklusive das komplette Spektrum der Neuromodulation. Das können nur sehr wenige Kliniken in der Schweiz», sagt NPU-Leiter Dr. med. Apostolos Chatzikalfas. Der Bedarf sei da, ist er überzeugt: «Als ich die Leitung übernommen habe, habe ich pro Monat 30 Patienten gesehen. Heute, kein Jahr später, sind es 200.»
Die Neuromodulation ist ein seit den 80er-Jahren etabliertes Verfahren zur Behandlung schwerer, chronischer oder tumorbedingter Schmerzen. Dabei wird die Weitergabe oder die Wahrnehmung von Schmerzreizen beeinflusst. Dies mit elektrischen Impulsen (Neurostimulation) oder der Gabe von Medikamenten direkt an den Entstehungsort der Schmerzen. So kommen etwa bei der Rückenmarkstimulation gepulste Radiofrequenzen zum Einsatz. «Auch diffuse Rückenschmerzen lassen sich so heutzutage gut behandeln», erklärt Dr. Chatzikalfas.
Ähnlich funktioniert ein Schmerzschrittmacher: Er gibt gezielt Stromimpulse an die Rückenmarkneuronen ab. «Das Gehirn nimmt die Schmerzsignale dann zwar noch auf; sie sind aber gedämpft», erklärt der Schmerzspezialist. Weiter gebe es die Möglichkeit, eine Schmerzpumpe zu implantieren: «
Sie gibt Medikamente ins Hirnwasser im Rückenmark ab. So braucht es nur 1/100 oder gar 1/300 der oralen Dosis. Mit genauso gutem Effekt, aber ohne Nebenwirkungen.» Auch betreffend Gewöhnungseffekt sei diese Methode massiv besser als Schmerztabletten oder -pflaster.

Autor*in

Aargauer Zeitung