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Jeder hat seinen eigenen Parkinson

KSA, 26.08.2022
Das Verständnis der Erkrankung und der Vorgänge im Körper hat sich in den letzten 20 Jahren enorm weiterentwickelt.

Der neue Schwerpunkt Neurodegeneration und Bewegungsstörungen am Spital Zofingen sorgt für individuelle Behandlungskonzepte.

Bei Herrn M. wurde vor vier Monaten Parkinson diagnostiziert. Er hat viel im Internet über die Erkrankung gelesen. Er und seine gesamte Familie machen sich grosse Sorgen über das, was auf ihn zukommt. «Eigentlich zittere ich gar nicht. Mich haben vor allem Schmerzen im rechten Arm und eine zunehmende Steifheit der Finger zum Arzt geführt. Ich habe eher an so etwas wie Rheuma gedacht», sagt er.

Parkinson wird von Neurologen zu den Bewegungsstörungen gezählt. Die Erkrankung wird üblicherweise anhand einer charakteristischen Verlangsamung der Bewegungsabläufe, Muskelsteifigkeit («Rigor») und eines rhythmischen Zitterns, des «Tremors», erkannt. «Das Verständnis der Erkrankung und der Vorgänge im Körper hat sich in den letzten 20 Jahren enorm weiterentwickelt. Trotzdem wird Parkinson immer noch wesentlich auf Grund der Beobachtung der Symptome diagnostiziert», erklärt Dr. Tobias Piroth, Oberarzt Neurologie der KSA-Gruppe u. a. am Standort Zofingen und Leiter des Bereichs Bewegungsstörungen und Kognition.

Mehr als 20 verschiedene nicht-motorische Symptome

Herr M. berichtet weiter, dass ihm im letzten Jahr oft die Energie fehle und er sich bei der Arbeit nicht mehr lange konzentrieren könne, ohne danach erheblich erschöpft zu sein, was den Alltag einschränken und sogar dazu führen kann, dass Patienten ihre berufliche Tätigkeit aufgeben müssen. «Wir fahnden systematisch auch nach nicht-motorischen Symptomen, beispielsweise einer Störung von Gedächtnis und Konzentration, einer Störung der Blasenfunktion oder auch Schlafveränderungen. Dies, weil bestimmte Symptome sehr typisch sind und die Parkinson-Diagnose unterstützen, wie zum Beispiel Bewegungen oder Sprechen im Schlaf. Daher sind wir froh, wenn Angehörige zu den Konsultationen mitkommen, weil ihre Beobachtungen zur Diagnose beitragen. Mehr als 20 verschiedene nicht-motorische Symptome werden bei uns abgefragt», sagt Piroth. «Das heisst aber nicht, dass jeder Patient alle Symptome hat. Es gibt sehr starke Abweichungen, wie auch beim Verlauf der Bewegungssymptome. Jeder Patient hat seinen eigenen Parkinson.»

Die Ehefrau von Herrn M. erzählt, dass sie ihren Mann als viel passiver und häufig auch ängstlich empfinde: «Mein Mann hat sich sehr verändert, so war er früher nie.» Tatsächlich sind solche Veränderungen der Psyche bei Parkinson-Patienten nicht selten. Zwischen 10 und 40 Prozent haben Angststörungen, Antriebslosigkeit, Depression, Halluzinationen und sogenannte Impuls-Kontroll-Störungen. Die Folgen dieser psychiatrischen Symptome beeinträchtigen die Lebensqualität der Patienten manchmal mehr als diejenigen der motorischen Auffälligkeiten.

Oft ist der Zusammenhang der Beschwerden mit der Parkinson-Erkrankung jedoch nicht klar. Es ist eine sehr sorgfältige Abklärung notwendig. Im Rahmen der Diagnosestellung ist eine spezialisierte Gehirn-Bildgebung und oft auch eine Untersuchung der geistigen Leistungsfähigkeit erforderlich. Auch ist selbst bei kleinen Auffälligkeiten eine Untersuchung der Stimm- und Schluckfunktion durch spezialisierte Logopäden sinnvoll. Wer aufgrund von Parkinson undeutlicher spricht, wird weniger gehört und somit sozial passiver. Dabei kann man heute mit individuellem Training viel erreichen.

Lebensqualität kann deutlich verbessert werden

Parkinson kann zwar nicht geheilt werden, aber die Symptome können bei einzelnen Patienten über Jahre oder Jahrzehnte oft gut behandelt werden, während andere im Laufe weniger Jahre Unterstützung benötigen. Die Erkrankungsverläufe sind sehr unterschiedlich. «Besonders wichtig ist es, zu erkennen, wenn bei Patienten kein gleichmässiges Ansprechen der Medikamente mehr vorliegt, sog. ‹Wirkfluktuationen›», fasst Piroth den gängigen Fachjargon zusammen.

Die Patienten bemerken dies, indem sich die Symptome – etwa die Beweglichkeit – noch vor Einnahme der nächsten Tablette verschlechtern. Viele Patienten haben in diesen Phasen begleitende, nicht-motorische Symptome wie Angstgefühle, Schmerzen oder Depressionen. Die Behandlung der Parkinson-Erkrankung wird damit komplizierter, weil der Zusammenhang zwischen nicht-motorischen Phänomenen und Medikamentenwirkung für Patienten nicht so offensichtlich ist. «Wir bieten daher am Standort Zofingen neu ein spezialisiertes neurologisches Schwerpunkt-Programm für Parkinson-Patienten an. Dazu gehören intensive Physiotherapie, Ergotherapie und Logopädie», so Piroth. Im Rahmen des stationären Aufenthaltes wird die Diagnose überprüft und die Medikamenteneinstellung angepasst. Bereits frühzeitig wird auch abgeklärt, ob die Patienten zusätzlich von invasiven Therapien wie einer Tiefen Hirnstimulation oder einer Pumpentherapie profitieren können. Piroth weiter: «Am Ende braucht es bei einem komplizierten Parkinson-Syndrom ein ganz individuelles Behandlungskonzept, das auf die jeweiligen Symptome, aber auch auf die Lebenssituation eingeht. Das ist das Ziel der Komplexbehandlung. Bei diesem Vorgehen kann die Lebensqualität wesentlich verbessert oder stabilisiert werden.»

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Die Neurologie ist eine eigenständige Klinik im Bereich Medizin. Sie umfasst die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen des Gehirns, Rückenmarks, der Nerven und Muskulatur. Die Behandlung von Schlaganfällen, Anfallsleiden, Entzündungen des Nervensystems (v.a. Multiple Sklerose), Bewegungsstörungen, Hirntumoren, Schwindel, Schmerz und dementiellen Syndromen (z.B. Alzheimer-Erkrankung) zählen zu den Schwerpunkten unserer Klinik.

Wir legen grossen Wert darauf, dass Sie sich als Patient/in in unserer Klinik jederzeit bestens versorgt fühlen. Dafür steht Ihnen ein hochqualifiziertes, multiprofessionelles Team rund um die Uhr zur Seite. Den hohen Ansprüchen unserer Patienten, Partner und niedergelassenen Kollegen begegnen wir mit fachlicher Kompetenz sowie Kopf, Hand und Herz.

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