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Man kommt nicht allergisch auf die Welt

Andreas Krebs, 16.11.2022
Antibiotika und Schmerzmittel zählen zu den häufigsten Auslösern einer Medikamentenallergie. PD. Dr. med. Kathrin Scherer, Leiterin Allergologie, gibt Auskunft über Symptome, Diagnose und Therapie.

Nahrungsmittelaller­gien sind in den Medien omniprä­sent. Von Medikamentenallergien hingegen liest und hört man selten. Wie oft sind Sie damit konfrontiert? Wir klären mehrere Verdachtsfälle pro Tag ab. Am häufigsten sind Allergien gegen Antibiotika. 10 bis 20 Prozent der KSA Patientinnen und Patienten sind davon betroffen.

Gibt es weitere Medikamente, bei denen das Risiko erhöht ist? Grundsätzlich kann jedes Medikament eine Allergie auslösen. Zu den häufigs­ten Auslösern gehören neben Antibio­tika Schmerzmittel, Antiepileptika, Röntgenkontrastmittel sowie Narkose­mittel. Zudem hängt das Risiko auch davon ab, wie ein Wirkstoff verabreicht wird. Am geringsten ist die Gefahr bei Tabletten, Säften und Tropfen. Höher ist das Risiko bei Injektionen und In­fusionen.

Gibt es Menschen, die besonders häufig betroffen sind, etwa Pollen­allergiker? Interessanterweise sind die klassi­schen Allergiker nicht öfters von einer Medikamentenallergie betroffen. Hin­gegen haben Menschen, die häufig Medikamente einnehmen, ein etwas erhöhtes Risiko.

«Medikamentenallergien werden meist von häufig verabreichten Arzneimitteln ausgelöst.»

​​​​Insbesondere wenn man Medikamente öfters an- und ab­setzt, steigt das Risiko einer Sensibili­sierung. Beim erneuten Kontakt stür­zen sich die Antikörper auf die ver­meintlich gefährlichen Fremdstoffe. Spezifische Zellen, die sogenannten Mastzellen, schütten daraufhin Hista­min aus. Und dieses löst die allergi­schen Beschwerden aus.

Problematisch sind also weniger die Medikamente, die man täglich einnimmt, etwa Blutdrucksenker, als jene, die man sporadisch nimmt, wie eben Antibiotika oder Schmerzmittel? Korrekt. Oft haben die Betroffenen das entsprechende Antibiotikum oder Schmerzmittel zuvor schon öfters pro­blemlos eingenommen. Und plötzlich reagieren sie allergisch darauf. Man kommt eben nicht allergisch auf die Welt. Vielmehr erlernt man die Aller­gie aufgrund einer falschen Entwick­lung im Immunsystem. Und dann gibt es auch noch die klassischen Neben­wirkungen und die sogenannten Pseu­doallergien. Beide lassen sich oft nur schwer abgrenzen von der Allergie.

Was sind Pseudoallergien? Bei der Pseudoallergie treten allergie­ähnliche Symptome und Reaktionen auf, ohne dass das Immunsystem eine Rolle spielt. Schmerzmittel wie Ibupro­fen gehören zu den häufigsten Auslö­sern von Pseudoallergien. Man kann sie in sehr niedriger Dosis manchmal noch anwenden. Medikamente, die echte Allergien auslösen, muss man hingegen konsequent meiden.

Was, wenn das Medikament nicht ersetzt werden kann, etwa wenn einem an Krebs erkrankten Men­schen nur ein bestimmtes Chemo­therapeutikum hilft? Das kommt zum Glück selten vor. Man kann dann versuchen, eine Toleranz auszubilden. Das ist sehr aufwendig. Es dauert lange, mitunter ein, zwei Wo­chen, und braucht viel Überwachung. Die Patientin oder der Patient verträgt dann das Medikament für eine gewisse Zeit. Doch die Toleranz geht wieder verloren. Eine Hyposensibilisierung mit anhaltendem Effekt wie bei der Pol­lenallergie ist bei Medikamentenaller­gien nicht möglich.

Und wie äussert sich eine Medika­mentenallergie? Am häufigsten kommt es zu Reaktionen der Haut: Ausschlag, Juckreiz, Schwel­lungen der Schleimhäute sowie Öde­me. Man unterscheidet Allergien vom Soforttyp, etwa den anaphylaktischen Schock, und solche, die erst nach Tagen oder gar Wochen auftreten. Bei Letzte­ren ist oft nicht nur die Haut betroffen, sondern auch innere Organe. Verzöger­te systemische Allergiesymptome sind manchmal schwierig zu behandeln. In den allermeisten Fällen aber verschwin­den die Symptome, etwa der Hautaus­schlag, wenn man das Medikament ab­setzt, innert ein bis zwei Wochen.

Die meisten Medikamentenaller­gien sind also nicht schwerwiegend? Sie sind unangenehm, aber meist nicht bedrohlich. In den seltensten Fällen geht es mit einer schweren Anaphylaxie los.

«Wenn man rechtzeitig reagiert, kann man in vielen Fällen die schwere Reaktion vermeiden.»

Auf die leichte Schulter sollten Betroffene eine Medikamentenallergie also nicht nehmen? Richtig! Man soll auch leichte Sympto­me ernst nehmen und mit der Haus­ärztin oder dem Hausarzt besprechen. Nebenwirkungen und vermeintliche allergische Reaktionen sollten Betrof­fene rapportieren: Wann nach der Ein­nahme des Medikaments ist was pas­siert? Wie viele Tage hat man das Medikament schon genommen? Auch Fotos des Ausschlags gehören dazu. Das Geschehen möglichst gut zu doku­mentieren, hilft bei der Abklärung.

Diese ist, wie Sie erläutert haben, sehr aufwendig und wird am besten durch eine Spezialistin oder einen Spezialisten wie hier im KSA Bahn­hof Aarau durchgeführt. Was ist für Betroffene noch wichtig zu wissen? Die Abklärung sollte man nicht vor sich herschieben. Unsere Tests sind aussa­gekräftiger, wenn man sie bald, d. h. binnen sechs Monaten nach Auftreten der Reaktion macht.

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Penicillin-Allergie – Diagnose wird zu oft gestellt

Etwa jeder zehnte Mensch in der Schweiz, heisst es, reagiere allergisch auf das besonders häufig verabreichte Anti­biotikum Penicillin. Studien zufolge ha­ben jedoch nur ein bis zehn Prozent der vermeintlichen Betroffenen eine echte Penicillin-Allergie. Das deckt sich mit den Erfahrungen von PD Dr. med. Kathrin Scherer. Der Grund: Penicillin wird häufig bei Erkrankungen verabreicht, die einen Ausschlag auslösen können. Es sei dann oft unklar, ob dieser vom Infekt kommt oder vom Medikament, so Scherer. Das Problem: «Man verschreibt dann Anti­biotika, die weniger wirksam sind, mehr Nebenwirkungen machen oder die es nicht in Tablettenform gibt, sodass die Patientin oder der Patient stationär be­handelt werden muss, was viel zeitauf­wendiger und teurer ist.»

 

25 Jahre Dermatologie und Allergologie KSA Aarau

Die Abteilung Dermatologie und Allergologie der Medizinischen Uniklinik KSA Aarau am Standort KSA Bahnhof Aarau feiert in diesem Jahr ihr 25-Jahr Jubiläum.

In der Dermatologie und Allergologie werden sämtliche Erkrankungen der Haut, Schleimhäuten, Nägeln, Haaren sowie Geschlechtskrankheiten abgeklärt und behandelt. Ebenso werden allergologische Erkrankungen, von Heuschnupfen und Asthma über Insektengifte bis zur Nahrungsmittelunverträglichkeit untersucht.

Zu unseren fachlichen Spezialitäten gehören die Abklärung und Behandlung von entzündlichen und komplexen Hauterkrankungen (Ekzemen, Psoriasis, Akne, Kollagenosen etc.) sowie umfassende Abklärungen von allergologischen Erkrankungen.

Autor*in

Aargauer Zeitung