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Vasektomie – zunehmender Trend bei jungen Männern?

Monica Loi, 14.12.2022
Kinderlos der Umwelt zuliebe – warum sich immer mehr junge Männer für eine Sterilisierung entscheiden und was man über Vasektomien wissen sollte.

«Als ich klein war, wollte ich immer Kinder haben. Aber zu Beginn meiner Zwanziger hat sich bei mir etwas verändert. Mir ist klar geworden, dass ich kein Leben in diese Welt setzen möchte, auf der es nur noch schlimmer werden wird. Wir können unser CO2-Problem nicht einfach auf die nächste Generation abwälzen.» Das sei nicht fair. Deshalb habe er sich sterilisieren lassen, erklärt der 30-jährige Lloyd Williamson aus England in einem Gespräch mit der englischen Zeitung «The Guardian» – und er scheint nicht der Einzige zu sein.

Fälle wie derjenige von Lloyd scheinen sich gemäss Medienberichten bei jungen Männern zu häufen. Sowohl in den USA als auch in Europa wird im Zusammenhang mit Vasektomien zunehmend der Umweltgedanke thematisiert. Männer berichten immer häufiger, wegen des Klimawandels auf Kinder verzichten oder stattdessen Kinder adoptieren zu wollen.

Wurden solche Argumente für eine Vasektomie auch schon im KSA Kantonsspital Aarau vorgebracht? Und wie funktioniert eine Vasektomie überhaupt? Med. pract. Alberto Bovo aus der Klinik für Urologie gibt Auskunft.

Herr Bovo, was ist eine Vasektomie und wie wird sie durchgeführt?
Die Vasektomie, auch Sterilisation genannt, ist ein kleiner, ambulanter, sehr häufig durchgeführter Eingriff beim Mann und die sicherste und komplikationsärmste Methode zur Empfängnisverhütung. Bei diesem Eingriff werden beide Samenleiter durchtrennt, wodurch verhindert wird, dass Spermien mit dem Samenerguss abgegeben werden. Die Operation hat keinen Einfluss auf den Samenerguss und die sexuelle Erlebnisfähigkeit – auch Erektion und Libido bleiben erhalten. Der Eingriff erfolgt in der Regel ambulant in Lokalanästhesie. Nach der Vasektomie wird mithilfe einer Samenuntersuchung kontrolliert, ob keine Spermien mehr im Ejakulat vorhanden sind. Die Untersuchung wird frühestens nach drei Monaten und 20 Ejakulationen nach der Vasektomie durchgeführt. Erst danach gilt man als sicher zeugungsunfähig.

Aus welchen Gründen lassen sich Männer sterilisieren ?
Meistens erfolgt die Entscheidung für eine Vasektomie aus klassischen Gründen, wie einem abgeschlossenen Kinderwunsch oder dem Entschluss, keine Kinder haben zu wollen. Oftmals sind die Patienten über 35 Jahre alt.

Unter jungen Männern scheint es einen Trend zu geben, sich aus Umweltgründen sterilisieren zu lassen. Stellen Sie eine Zunahme des Sterilisationswunsches bei jüngeren Männern fest?
In der Urologie am KSA konnte man bisher keine Zunahme eines Sterilisationswunsches bei jungen Männern verzeichnen und die Hauptgründe für eine Vasektomie sind bei uns nach wie vor ein abgeschlossener oder nicht vorhandener Kinderwunsch.

Was, wenn man plötzlich doch Kinder möchte?
Sollte dies der Fall sein, gibt es die Möglichkeit, sich einer Vasovasostomie resp. Refertilisierung zu unterziehen. Dies ist ein Eingriff, um eine Vasektomie oder Sterilisierung rückgängig zu machen. Der häufigste Grund dafür ist ein erneuter Kinderwunsch in einer neuen Partnerschaft. Ob der Eingriff Erfolg hat, hängt vor allem davon ab, wie lange die Sterilisation zurückliegt. In den ersten drei Jahren nach der Sterilisation ist die Erfolgsquote mit über 90% sehr hoch. Die Chancen nehmen dann aber sukzessive ab. Die Zeugungsfähigkeit kann also nicht in allen Fällen zurückgebracht werden.

Wie läuft eine Refertilisierung ab?
Durch die mikrochirurgische Technik ist es heute möglich, die durchtrennten Samenleiter wieder zu verbinden und damit die Zeugungsfähigkeit erneut herzustellen. Grundsätzlich kann jeder Mann, der nach vorangegangener Vasektomie einen erneuten Kinderwunsch hegt, eine Refertilisierung durchführen lassen. Im Vorfeld werden zwischen dem Arzt oder der Ärztin und dem Patienten gemeinsam der Aufwand und die Erfolgschancen eines solchen Eingriffes beurteilt. Der Eingriff findet in der Regel unter Vollnarkose statt und der Patient wird postoperativ wieder nach Hause entlassen.

Vasektomie der Umwelt zu liebe – ein neuer Trend?

Medienberichten zufolge entscheiden sich allerdings immer öfters auch jüngere, kinderlose Männer für eine Vasektomie – dies jedoch aus ganz anderen Gründen. Der meistgenannte Grund bei den jüngeren Männern ist der Klimawandel. Angesichts des Zusammenhangs zwischen dem durch fossile Brennstoffe verursachten Wirtschaftswachstum und dem Bevölkerungswachstum könne der Einzelne durch eine geringere Kinderzahl einen Beitrag zur Bekämpfung des Klimawandels leisten, begründet Lloyd Williamson seine Entscheidung. Verwandte Bewegungen gibt es auch unter den Frauen – so etwa die von der britischen Sängerin Blythe Pepino angestossene «Birthstrike-Bewegung», bei der Frauen bewusst auf Kinder verzichten.

«Die effektivste Massnahme, die eine einzelne Person zugunsten des Planeten ergreifen kann, ist ein Kind weniger zu haben»

Wyner & Nicholas (2017), Environmental Research Letters

Auch der 33-jährige Schweizer Marc Fehr argumentiert jüngst in einem Artikel des Tagesanzeigers auf ähnliche Weise. Er ist der Meinung, der Planet sei schon überbevölkert und brauche nicht noch mehr Menschen. Ausserdem müsse man die verursachten CO2-Emissionen der eigenen Kinder und deren unbekannten Anzahl Nachkommen rein theoretisch auch sich selbst zurechnen. Gestützt werden solche Argumente auch von Studien. So erklärt beispielsweise eine Studie des Journals Environmental Research Letters aus dem Jahr 2017: die effektivste Massnahme, die eine einzelne Person zugunsten des Planeten ergreifen könne, sei ein Kind weniger zu haben.
Eine weitere Zunahme am Interesse an Vasektomien zeichnete sich auch in den USA ab, nachdem der Oberste Gerichtshof kürzlich das nationale Abtreibungsrecht kippte. Google verzeichnete nach dem Entscheid einen drastischen Anstieg der Suchanfragen nach «Vasektomie» und «Sind Vasektomien reversibel?».

Auch in den sozialen Medien haben das Thema Vasektomie oder Hashtags wie #vasectomy oder #snipsniphooray an Popularität und Akzeptanz gewonnen. So teilen beispielsweise User wie der 28-jährige Mike Pridgen ihre Erfahrungen auf TikTok. Noch ist jedoch nicht klar, ob es sich bei diesem gestiegenen Interesse an Vasektomien unter jungen Männern um einen vorübergehenden oder den Beginn eines langfristigen Trends handelt.

Urologie am KSA

Die Klinik für Urologie des KSA Aarau bietet als überregionales Zentrum die Diagnose und Therapie des gesamten urologischen Spektrums an. Wir verfügen über die modernsten technischen Mittel und können dadurch viele Operationen minimal-invasiv und schonend durchführen.

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