Andreas Krebs, 05.02.2020

Aus der Hüfte schiessen

Gegen 20 000 künstliche Hüftgelenke pro Jahr werden in der Schweiz eingesetzt. Was unserem zweitgrössten Gelenk guttut und was nicht, PD Dr. med. Lorenz Büchler, Leitender Arzt am KSA, gibt Auskunft.

50 Millionen Schritte macht der Mensch in seinem Leben, ungezählte Male beugt, bückt, setzt, streckt oder dreht er sich, und jedes Mal rotiert die Kugel in der Pfanne des Hüftgelenks. Nach dem Kniegelenk ist es das zweitgrösste Gelenk des menschlichen Körpers. Dort schützt uns Knorpelgewebe vor den Schmerzen, die wir spüren, wenn sich Knochen an Knochen reibt. Ist diese Gleitschicht lückenhaft oder gar aufgebraucht, drohen die Qualen der Hüftarthrose – mit Ausstrahlung in die Leiste, das Gesäss, den Oberschenkel oder bis ins Knie. Anfangs melden sich bei längerer Belastung auf Wanderungen, Treppen oder unebenem Boden nur leichte Beschwerden; doch oft werden die Schmerzen bald stärker, jeder Schritt wird zur Qual und schliesslich tut die Hüfte auch noch im Liegen weh.

Arthrose gilt als unheilbar

Der Verschleiss des Knorpels hat viele Gründe: ungleich lange Beine, Übergewicht, Unfälle (Becken- oder Schenkelhalsbrüche), Rheuma und Infektionen können die Gleitschicht zerstören. Am häufigsten ist laut PD Dr. med. Lorenz Büchler, Leiter Hüft- und Beckenchirurgie der Klinik für Orthopädie des KSA, die sogenannte primäre Hüftgelenksarthrose, bei der die Ursache unklar beziehungsweise zum Teil genetisch bedingt ist. "Eine Arthrose kann mit Medikamenten oder Spritzen ins Gelenk nicht geheilt werden", erklärt Büchler. Um die Mobilität des Patienten zu erhalten, sei eine Therapie des Schmerzes wichtig. "Sehr gut wirksam sind Rheumamittel oder jede andere alternative Form der Schmerztherapie, auf die der Patient gut anspricht." Im Alltag sei auf schmerzauslösende Betätigungen möglichst zu verzichten. Eine zunehmende Bewegungseinschränkung der Hüfte, wie Mühe, Strümpfe anzuziehen, sei ein Zeichen der fortgeschrittenen Arthrose und könne durch eine Therapie nicht verbessert werden. "Deswegen ist eine physiotherapeutische Beübung des Gelenkes oft wenig hilfreich."

KSA Absender iconHüftschmerzen – Wenn die Hüfte nicht mehr rund läuft

Öffentliche Informationsveranstaltung zum Thema "Hüftschmerzen".
Wann: 15. April 2020
Wo: Hörsaal Haus 1, Kantonsspital Aarau, Tellstrasse 25, 5001 Aarau
Kosten: freier Eintritt
Referent: PD Dr. med. Lorenz Büchler, Leitender Arzt Orthopädie, Leiter Hüft- und Beckenchirurgie

Das Hüftgelenk wird im Alltag stark beansprucht und Beschwerden der Hüfte führen deswegen meist rasch zu Problemen, sei dies Zuhause, bei der Arbeit oder beim Sport. Sie erfahren an diesem Abend die wichtigsten Gründe für Funktionseinschränkungen oder Schmerzen des Hüftgelenkes bei jungen wie auch älteren Patientinnen und Patienten. Es werden sinnvolle Abklärungen und mögliche Behandlungen erläutert sowie Tipps gegeben, was getan werden kann, damit die Hüftgelenke möglichst lange beschwerdefrei bleiben.

Nach dem Referat haben Sie die Gelegenheit, bei einer kleinen Erfrischung individuelle Fragen zu stellen.

Was die Hüfte stark macht

200 000 Schweizer leiden an Gelenkserkrankungen. Jedes Jahr wird 20 000 Schweizern ein künstliches Hüftgelenk eingesetzt. Mittlerweile ein unkomplizierter Eingriff, der rund 100 Minuten dauert. «Der Einbau einer Hüftgelenksprothese ist dann sinnvoll, wenn die Patienten trotz konservativen Massnahmen unter Schmerzen leiden und im Alltag oder beim Sport stark durch die Arthrose eingeschränkt sind», so Büchler. «Sehr hilfreich ist, nicht zu rauchen. Und nach der Operation ist es wichtig, der Hüfte genügend Zeit zu geben, um abzuheilen, das heisst in den ersten paar Wochen nach der Operation auf Überbelastungen des Gelenkes zu verzichten.» Viele Prothesen wurden in der Schweiz entwickelt und etliche werden auch hierzulande produziert. Die zementfreie Verankerung ist Standard. Im Verlauf von vier bis sechs Wochen wächst Knochen an das Implantat, bis Schaft und Pfanne aus Titan fast untrennbar mit dem Körper verbunden sind. Für den Kopf und die Pfanneneinsätze werden meist Keramik und spezielle Kunststoffmaterialen verwendet, alle mit sehr hoher Abriebfestigkeit. Ein künstliches Hüftgelenk ist für Ärzte gottlob keine Knochenarbeit mehr. Trotzdem macht es Sinn, sorgsam mit seinem Hüftgelenk umzugehen. Das bedeutet: Schuhe mit harten Sohlen höchstens selten tragen. Auch Übergewicht ist Gift für die Hüfte. Bewegung ist zwar wichtig, es gibt aber zahlreiche Sportarten, welche die Hüften stark belasten und ein Risiko für Unfälle sind, etwa Fuss-, Hand- und Basketball oder Tennis, Squash und Skifahren. Die nachfolgenden Tipps hingegen stärken die Hüfte.

KSA Absender iconDas macht die Hüfte stark

  • Radfahren regt die Durchblutung an. Die Produktion von Gelenkflüssigkeit wird so gesteigert und die Knorpelschicht besser mit Nährstoffen versorgt (Hyaluronsäure).
  • Rückenschwimmen kräftigt die Muskulatur, ohne die Hüfte zu belasten. Weitere hüftfreundliche Sportarten sind: Nordic Walking, Langlauf, Aquajogging.
  • Spezialkissen wie der Therapie- Sitzkeil für Hüftgelenke verbessern die Sitzhaltung, entlasten die Hüfte und schützen vor frühzeitiger Ermüdung.
  • Einlegesohlen oder Spezialschuhe gleichen unterschiedliche Beinlängen aus und verhindern dadurch Fehlhaltungen.
  • Dehnübungen lockern die Muskulatur, die sonst leicht verkrampft und am Sehnenansatz nahe des Hüftgelenks zerrt. Achtung: Diese Schmerzen werden oft als Anzeichen von Arthrose missdeutet.
  • Orthopäden sollten bei Problemen mit dem Hüftgelenk möglichst sofort aufgesucht werden. Meist, weiss Büchler, verbessern sich Schmerzen wieder spontan. "Wichtig ist, bei Schmerzen, die sich nicht von selber bessern, einen Arzt aufzusuchen."

Autor

Aargauer Zeitung