Valeria Pagani, 07.05.2020

Rückenschmerzen

«Das Problem der heutigen Zeit ist Bequemlichkeit.»

Dr. med. Martin Jäger ist Orthopäde und Leiter der Wirbelsäulenchirurgie im KSA. Im Interview erklärt er, was wir für einen gesunden Rücken tun können.

Interview: Stefanie Probst, Bilder: Roman Gaigg

Herr Dr. med. Jäger, wie oft bewegen Sie sich pro Woche?

Als ehemaliger Sportler achte ich darauf, Bewegung wo immer möglich in meinen Alltag einzubauen. Morgens fahre ich zum Beispiel mit dem Fahrrad oder gehe zu Fuss ins Spital – das heisst ich laufe 45 Minuten. Und Sport gehört zu meinem Beruf: Das Operieren an der Wirbelsäule ist körperlich hoch belastend.

 

Welche Rückenprobleme operieren Sie am häufigsten?

Neben unfallbedingten Erkrankungen, Fehlbildungen, Deformitäten und Veränderungen der Wirbelsäule als Folge von Osteoporose behandeln wir vorwiegend die Folgen von Verschleiss.

 

Was heisst das?

Das Problem der heutigen Zeit ist Bequemlichkeit. Viele von uns sitzen den

ganzen Tag. Wir nehmen den Lift, statt die Treppe oder das Auto anstelle des Fahrrades. Dies wirkt sich negativ auf die Gesundheit unseres Rückens aus. Der Rücken ist in einem mehrschichtigen umfassenden Muskelmantel eingespannt. Sie können sich das vorstellen wie einen Turm, der von allen Seiten mit Seilen

stabilisiert wird. Bewegen wir uns nicht ausreichend, wird die Rückenmuskulatur zu schwach. Folglich kann sie den Rücken nur noch ungenügend stabilisieren. Dies führt zu Fehlbalancen oder Überbelastungen. Die Patientinnen und Patienten kommen dann mit vorzeitigen Abnutzungen – also Verschleiss – und daraus resultierenden Beschwerden zu uns ins KSA.

80% der Erwachsenen in der Schweiz leiden mindestens einmal in ihrem Leben unter Rückenproblemen

Bauen Muskeln stetig ab, wenn wir uns nicht genügend bewegen?

Ja, allerdings. Ab dem 30. Lebensjahr verlieren wir durchschnittlich ein Prozent Muskelmasse – je nachdem können es in einem Jahr auch einmal bis zu 10 Prozent sein. Letzteres kann passieren, wenn wir beispielsweise über einen längeren Zeitraum bettlägerig sind. Das heisst: Regelmässige Bewegung das ganze Leben lang ist notwendig, um die Muskelmasse zu erhalten.

Einfach gesagt: Wenn wir jung sind, trainieren wir, um besser zu werden. Sobald wir älter werden, müssen wir zuerst einmal trainieren, um das aktuelle Fitnesslevel erhalten zu können. Grundsätzlich baut mit dem Alter alles langsam ab – neben den Muskeln beispielsweise auch das Gehirn.

 

Sind Rückenprobleme weit verbreitet in der Schweiz?

80 Prozent der Erwachsenen haben mindestens einmal in ihrem Leben Rückenschmerzen – bei 60 Prozent davon sind sie wiederkehrend. Die beste Prävention ist es, Bewegung wo und wann immer möglich in den Alltag zu integrieren: Anstelle des Autos das Fahrrad nehmen oder zu Fuss gehen, die Treppe dem Lift vorziehen und während dem Telefonieren herumgehen statt zu sitzen.

 

Gibt es «falsche» Bewegungen im Alltag, die zu Rückenschmerzen führen können?

Falsche Bewegungen sind häufig solche, die nicht ergonomisch sind. Dazu gehört schweres Heben, das nicht korrekt ausgeführt wird, also beispielsweise mit einem gekrümmten Rücken. Dies führt zu einer Überstreckung des Rückens, was gesundheitliche Folgen haben kann. Auch langes Sitzen und monotone Bewegungsabläufe sind zu vermeiden. Die Körperhaltung sollte in regelmässigen Zeitabständen gewechselt werden.

 

Welche Bewegungen sind geeignet sind für einen gesunden Rücken?

Förderlich sind «runde», erschütterungsarme Bewegungsabläufe, die den ganzen Körper trainieren. Dazu gehören vor allem Nordic Walking, Laufen, Wandern, Schwimmen, Radfahren, Reiten, Tanzen, Langlauf, Klettern, Inlineskaten oder SUP (Stand Up Paddling). Für den gezielten Muskelaufbau sind zusätzlich Geräte notwendig.

Gezielte Bewegungsübungen können bei wiederkehrenden Rückenproblemen das Rückfallrisiko um 40% senken

Welche sind weniger geeignet?

Bodybuilding mit sehr schweren Gewichten, Tennis, Badminton und Squash, Hockey, Turnen, Joggen, Golfen – vor allem mit falscher Technik – sowie Basketball, Alpin Ski und Surfen können sich negativ auf die Rückengesundheit auswirken.

 

Was ist mit Mannschaftssportarten?

Diese befinden sich im Graubereich. Einerseits ist die Ausübung eines Mannschaftssportes besser, als sich gar nicht zu bewegen. Andererseits enthalten viele dieser Sportarten so genannte «Stop and Go»-Bewegungen und es ereignen sich häufig Unfälle – Fussball ist diejenige Sportart mit den meisten Verletzungen.

 

Empfehlen Sie regelmässige Bewegung bei Rückenproblemen?

Ja, unbedingt. Vor allem gezielte Bewegungsübungen sind ein Hauptbestandteil in der Therapie von Rückenproblemen. Zahlreiche Studien belegen die Wirksamkeit dieser Massnahme. Speziell bei Personen, die immer wieder unter Rückenbeschwerden leiden, kann dadurch das Rückfallrisiko um 40% gesenkt werden.  

 

Wie oft sollten die Übungen durchgeführt werden?

Ich empfehle meinen Patientinnen und Patienten mindestens 30 Minuten mehrmals wöchentlich gezielt zu trainieren. Wichtig ist, dass Personen mit Rückenproblemen konsequent trainieren – also nicht nur dann, wenn die Beschwerden zunehmen.

 

Gibt es neben dem gezielten Training weitere Massnahmen?

Für Rückenpatienten ist es wichtig, dass sie sich an die Verhaltenstipps für einen gesunden Rücken halten. Dazu gehört beispielsweise gerades Sitzen. Viele Sitzpositionen scheinen auf den ersten Blick bequem zu sein, können mit der Zeit aber zu Dysbalancen oder Schäden am Knochengerüst führen. Diese Empfehlungen gelten auch als Präventionsmassnahmen für Personen ohne Rückenbeschwerden.

 

Welches ist der grösste Irrtum bezüglich Bewegung?

Sich bei Verletzungen zu schonen ist eine irrtümliche Annahme. Beispielsweise erhielten Patienten mit einem Schleudertrauma nach einem Auffahrunfall früher oft einen Halskragen und wurden während mehreren Wochen ruhig gestellt. Während einer Schonhaltung besteht das Risiko, dass sich einzelne Muskeln verkürzen. Deshalb verabreichen wir heute den Patientinnen und Patienten Schmerzmittel und raten ihnen, sich möglichst normal im Alltag zu bewegen.

 

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