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Long-COVID: Eine Herausforderung für das Gesundheitssystem

Mit der absehbaren Verfügbarkeit von Impfstoff für die breite Bevölkerung verliert die COVID-Pandemie langsam an Fahrt. Gleichzeitig häufen sich Berichte und ärztliche Kontakte wegen verschiedenen Folgesymptomen, wie zum Beispiel ausgeprägten Erschöpfungsgefühlen auch bei nur geringer Belastbarkeit.

Inzwischen hat sich die Bezeichnung  Long-COVID-Syndrom etabliert.  Diese Bezeichnung stammt von der Archäologin Elisa Perego und wurde anschliessend in Patientengruppen, Foren und schliesslich von den Medien aufgegriffen. Dass das Phänomen in vielen Ländern von Akteuren des Gesundheitssystems und der Politik ernst genommen wird, kann man daran ablesen, dass in vielen Nationen Initiativen ergriffen werden, um spezifische Betreuungsangebote für Patienten mit COVID-Folgezuständen zu schaffen (zum Beispiel Grossbritannienund USA). Derzeitig werden in vielen Ländern Leitlinien für die Abklärung und Behandlung des Long-COVID-Syndroms erarbeitet, zum Beispiel durch die amerikanische Seuchenschutzbehörde CDC.

Lange Erholungszeit nach einer Virusinfektion

Dass nach Virusinfekte mit geringem messbaren Organschaden eine lange Erholungszeit benötigt wird, ist eigentlich kein seltenes Phänomen und wird regelmässig nach einer Eppstein-Barr Virus-Infektion oder der saisonalen Grippe beobachtet. Auch gibt es Berichte aus der Zeit grosser Epidemien der Vergangenheit, wie der Russischen (1889 bis 1895) oder Spanischen Grippe (ca. 1918-1920), in denen vielfältige langanhaltende Symptome einschliesslich Erschöpfungszustände, Konzentrationsstörungen oder Depressionen beschrieben werden.

Langzeitfolgen sind weitgehend unbekannt

Obwohl sich weltweit viele Forschungsteams intensiv mit COVID befassen, gibt es immer noch wenige gesicherte Erkenntnisse, welche Langzeit-Folgen eine COVID-Infektion haben könnte. Patientinnen und Patienten im ersten Epizentrum in Wuhan, die wegen einer COVID-Erkrankung eine Krankenhausbehandlung benötigten, wurden zum Teil systematisch nachbeobachtet. Es zeigte sich, dass 63% der befragten auch nach ca. sechs Monaten über Ermüdbarkeit und verminderte Belastbarkeit klagen. In einer kürzlich veröffentlichten Metaanalyse kommen die Autoren zu dem Schluss, dass Patienten die mit SARS-CoV-2 infiziert waren bis zu 80% Langzeit-Symptome entwickeln, wobei in dieser Untersuchung das Fatigue das häufigste Symptom war, gefolgt von Kopfschmerzen und Aufmerksamkeitsstörungen.  Diese Beschwerden sind so erheblich, dass sie die Arbeitsfähigkeit nach durchgemachter Erkrankung beeinträchtigen. In einer Untersuchung der CDC konnten 35% der ambulant behandelten Patienten nicht innerhalb der ersten drei Wochen nach positivem Test ihre Arbeit wieder aufnehmen. Risikofaktoren für anhaltende Einschränkungen scheinen fortgeschrittenes Alter, Vorerkrankungen sowie  Übergewicht zu sein. In einigen Ländern wurden COVID-Symptome systematisch mit einer Smartphone-App erfasst. Eine Auswertung dieser Daten deutete an, dass die Beschwerden im Laufe der Zeit seltener wurden und bei den meisten Teilnehmern nach zwölf Wochen verschwunden waren.

Patientinnen und Patienten, die schwer erkrankt waren und im Spital behandelt werden mussten brauchen eine besonders lange Erholungszeit. Bei diesen ist auch das Risiko höher, dass wegen Komplikationen Defizite zurückbleiben werden. Die genauen Ursachen der Long-COVID-Symptome sind noch nicht bekannt. Diskutiert wird, ob bestimmte Hirnregionen (vor allem Nuclei des Hirnstamms) durch SARS-CoV-2-Infektion-getriggerte autoimmune Mechanismen geschädigt werden. Auch ein anhaltender Inflammationszustand könnte eine Rolle spielen. Wichtig ist, Folgezustände der Infektion auszuschliessen: SARS-CoV-2-Infektionen können auch bei geringen Akutsymptomen eine erhebliche Lungenentzündung auslösen. Auch steigt das Risiko für Entzündungen des Herzmuskels oder Herzinfarkte. Im Rahmen der SARS-CoV2-Infektion und möglicherweise auch Wochen später ist das Risiko für Schlaganfälle und Hirnthrombosen erhöht. Hierdurch können bleibende Schäden am Nervensystem entstehen.   Diese Komplikationen sind nicht immer offensichtlich, sondern fallen oft erst bei einer gezielten Suche auf.

Sprechstunde

Long-COVID-Sprechstunde am KSA

 Am KSA betreuen wir Patientinnen und Patienten in einer eigenen Long-COVID-Sprechstunde. Diese ist nach einer ersten hausärztlichen Abklärung offen. Schwerpunkt ist die Abklärung anhaltender kognitiver Defizite und Fatigue-verdächtiger Zustände nach einer SARS-CoV-2 Infektion. Bei entsprechender Zuweisung oder Hinweisen im Rahmen der Abklärung erfolgt auch ein Hinzuziehen weiterer Fachdisziplinen, wie der Pneumologie. Hier klären wir unter anderem ab, ob die Beschwerden möglicherweise auf Vorerkrankungen zurückzuführen sind, welche im Rahmen der Infektion verschlimmert wurden, oder ob es sich um völlig neue Gesundheitsprobleme handelt. Im Anschluss an die Diagnostik erfolgt nach einer interdisziplinären Fallbesprechung ein Diagnosegespräch, indem die Befunde und mögliche Konsequenzen dem Patienten erläutert werden. Für die Mehrzahl der Fälle, bei denen ausser der Fatigue-Symptomatik keine andere ursächliche körperliche Störung ausgemacht werden kann, besteht in der Regel eine gute Prognose. In den allermeisten Fällen kann die Belastung stufenweise gesteigert werden. Übungsprogramme können dabei helfen, die Belastbarkeit wieder zu normalisieren. Manchmal ist auch ggf. eine stufenweise Wiedereingliederung am Arbeitsplatz erforderlich (zum Beispiel das Pensum auf nur wenige Stunden am Tag reduzieren und im Abstand von ein oder zwei Wochen weiter steigern). In Einzelfällen ist jedoch auch eine gezielte Fatigue-Therapie und eine psychologische Begleitung zur Krankheitsbewältigung erforderlich. In Refraktären können medikamentöse Behandlungsoptionen erwogen werden ("Off-Label").

 

Neurologie am KSA

Die Neurologie ist eine eigenständige Klinik im Bereich Medizin. Sie umfasst die Diagnostik und Therapie von Erkrankungen des Gehirns, Rückenmarks, der Nerven und Muskulatur. Die Behandlung von Schlaganfällen, Anfallsleiden, Entzündungen des Nervensystems (v.a. Multiple Sklerose), Bewegungsstörungen, Hirntumoren, Schwindel, Schmerz und dementiellen Syndromen (z.B. Alzheimer-Erkrankung) zählen zu den Schwerpunkten unserer Klinik.

Wir legen grossen Wert darauf, dass Sie sich als Patient/in in unserer Klinik jederzeit bestens versorgt fühlen. Dafür steht Ihnen ein hochqualifiziertes, multiprofessionelles Team rund um die Uhr zur Seite. Den hohen Ansprüchen unserer Patienten, Partner und niedergelassenen Kollegen begegnen wir mit fachlicher Kompetenz

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Oberarzt Neurologie / Leiter Bewegungsstörungen und Kognition