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Unsere Frühchen-Tagebücher helfen bei der Verarbeitung

Céline Gautier, 03.02.2022
Kommt ein Kind zu früh zur Welt, haben Eltern mit vielen Ängsten zu kämpfen. Damit die schönen Augenblicke in dieser schwierigen Zeit nicht verloren gehen, führt die Pflege ein Tagebuch.

Immer mehr Kinder kommen zu früh zur Welt. Weshalb eigentlich?

Diese Aussage muss man differenziert anschauen. Die Rate der Frühgeborenen hat sich in den letzten Jahren in der Schweiz nicht verändert, es sind immer so 7 bis 8 Prozent aller Neugeborenen frühgeboren. Aber: In den letzten Jahren hat die Intensität der Betreuung zugenommen. Das heisst, wir haben immer mehr Frühgeborene, die auch aktiv lebenserhaltende Massnahmen erhalten. Zudem hat die absolute Zahl der Frühgeborenen in den letzten Jahren natürlich zugenommen, da die Geburtenzahl gestiegen ist. Damit nehmen auch die Frühgeborenen absolut gesehen bei gleichbleibender Frühgeborenenrate in Prozent zu.

 

Wie viele der Kinder, die zu früh zur Welt kommen, sind in einem kritischen Zustand?

Meine Schätzung ist, dass ca. 10 bis 15 Prozent der Frühgeborenen intensivstationspflichtig sind und Massnahmen zum Lebenserhalt benötigen.

 

Was bedeutet eine Frühgeburt für die Eltern?

Es ist natürlich immer ein Schock für die Eltern und mit sehr vielen Ängsten und Unsicherheiten verbunden. Vielfach verläuft bereits die Schwangerschaft suboptimal und die Ärzte sehen, dass es dem Kind im Bauch nicht gut geht. Doch auch das Gegenteil kann der Fall sein: Eine Schwangerschaft läuft völlig unauffällig ab und doch kommt das Kind plötzlich viel zu früh .

 

Wie holt man Eltern in dieser schwierigen emotionalen Situation ab?

Wenn dann das Kind auf der Station ist, haben wir ein umfassendes Unterstützungsangebot vom ersten Tag an. Dies besteht aus einer Psychologin und der Seelsorge. Essenziell sind aber die täglichen Besuche der Eltern, damit man ihnen am Bett den aktuellen Zustand, die Schwierigkeiten und allfällige weitere Schritte erklären kann. Der Einbezug der Eltern vom ersten Tag an in die Pflege hilft, die Berührungsängste zu überwinden. Wir haben auch eine Materialkiste mit kleinen Windeln, Atemunterstützungsgeräten und so weiter, um den Eltern zu zeigen, wie das alles aussieht und funktioniert. Wir hoffen, dass wir ihnen durch die zusätzlichen Informationen vielleicht ein wenig die Angst nehmen können.

 

Das Kantonsspital Aarau hält diese herausfordernden ersten Wochen in einer ganz besonderen Form fest, richtig?

Richtig. Alle Kinder, die vor der 32. Schwangerschaftswoche zur Welt kommen, bekommen von uns ein Tagebuch geschenkt. Darin halten wir wichtige Momente fest – auch solche, die Mami und Papi nicht mitbekommen. Etwa, wenn wir die Atemunterstützung wechseln oder die Kleinen zum ersten Mal die Augen öffnen. Wir dokumentieren aber auch die Gewichtszunahme oder machen Bilder, wenn sie zum ersten Mal mit den Eltern kuscheln.

 

Können all die Schläuche und Apparaturen auf einem Bild nicht erschreckend wirken?

Auch hier setzen wir auf Information. Wir machen beispielsweise ein Bild des Raums, in dem das Baby schläft, und erklären, welche Funktionen die Geräte auf dem Foto haben. Wir schreiben dann etwa: Das ist das Gerät, das für dich atmet. Das Licht dieser Lampe hält dich warm. Dieser Monitor zeigt uns deinen Herzschlag. Wir hoffen, dass die Maschinen ein wenig ihren Schrecken verlieren, wenn man versteht, wozu sie da sind. Wir dokumentieren aber auch die verschiedenen Umzüge von der Intensivstation auf die Intermediate Care zur Special Care.

 

Das medizinische Personal steht zeitlich unter enormem Druck. Wer kann sich Zeit für die Gestaltung eines Tagebuchs nehmen?

Das Tagebuch liegt in der Verantwortung der zuständigen Pflegeperson. Es stimmt, dass wir ohnehin schon sehr viel zu tun haben und uns leider auch nicht immer so viel Zeit für das Tagebuch nehmen können, wie wir gerne würden. Und doch schaffen wir es immer wieder, vielleicht in einer Pause oder kurz vor Feierabend die wichtigen Momente zu dokumentieren.

 

Wie ist die Idee dazu entstanden?

Irgendwann haben wir damit begonnen, Fotos von Kindern zu machen, deren Mamis noch im Wochenbett sind und die Kleinen deshalb nicht regelmässig sehen können. So hat sich das allmählich entwickelt und wurde mit der Zeit zu einem kleinen Tagebuch.

Neonatologie

Wie sieht das Tagebuch aus?

Im Augenblick ist das Tagebuch ein kleiner A5-Ordner, in den wir Bilder kleben, kurze Texte reinschreiben, wichtige Stationen festhalten, Zeichnungen reinmalen oder die Seiten dekorativ mit bunten Klebern gestalten. Wenn das Kind einen wichtigen Schritt gemacht hat, zum Beispiel das erste Mal eine Schoppenflasche geleert hat, tragen wir das in ein kleines Diplom ein.

 

Wie reagieren die Eltern darauf?

Das Buch erhalten sie nicht erst beim Austritt. Stattdessen begleitet sie das Tagebuch durch ihre Spitalzeit bei uns. Selbstverständlich dürfen die Eltern das Tagebuch auch selbst mitgestalten. Die meisten sind aber schlicht zu beschäftigt mit dem herausfordernden Spitalalltag. Natürlich freuen sich die Eltern sehr, dieses Erinnerungsstück mit nach Hause zu nehmen. Interessanterweise bekommen wir das beste Feedback aber vor allem später, wenn die Familien wieder daheim sind. Viele benutzen die Tagebücher, um den Kindern später zu erklären, wie sie ins Leben gestartet sind. Eltern, die ihr Kind verlieren, kann dieses Tagebuch Trost spenden, weil es vielfach das einzige Erinnerungsstück ist, das ihnen von der kurzen Zeit bleibt.

 

Was erhoffen Sie sich, dass diese Erinnerungsbücher bewirken?

Manche Kinder und ihre Eltern verbringen bis zu einem halben Jahr bei uns im Kantonsspital Aarau. Das ist eine sehr lange Zeit. Mit unseren Erinnerungsbüchern möchten wir die ganze Familie dabei unterstützen, diese Zeit zu verarbeiten und ihnen zeigen, dass der Start ins Leben nicht nur schwierig war, sondern es auch viele schöne Momente gab, die wir für sie festgehalten haben.

 

Auf was achten Sie persönlich beim Gestalten der Tagebücher?

Mir ist es vor allem wichtig, die verschiedenen Momente der Veränderung festzuhalten. Wenn ein Kind mit 650 Gramm zur Welt kommt und irgendwann zwei Kilogramm wiegt, ist das ein unglaubliches Gefühl. Es macht mich persönlich auch sehr stolz, weil es zeigt, was Medizin alles kann und dass wir als Pflegendenteam etwas richtig gemacht haben. Solche Momente entlöhnen für die viele Arbeit und den grossen Druck, den wir auf der Neonatologie tagtäglich erleben.

Neonatologie KSA

Wir kümmern uns um kranke Neugeborene und um Kinder, die vor dem Geburtstermin auf die Welt gekommen sind. Aarau gehört zu den neun Spitälern der Schweiz, in denen auch extrem frühgeborene Kinder ab 24 0/7 Schwangerschaftswoche oder 16 Wochen vor dem Geburtstermin medizinisch gut versorgt werden können. Die Abteilung verfügt über einen Auftrag zur Hochspezialisierten Medizin und darf aufgrund des von der FMH/SIWF verliehenen Ausbildungsauftrags Fachärzte im Schwerpunkttitel Neonatologie gleichwertig zu den Universitätsspitälern weiterbilden.

Wir verfügen über eine neonatologische Intensivstation und arbeiten eng mit der Klinik für Geburtshilfe zusammen. Im gemeinsamen Perinatalzentrum werden Frauen mit Risikoschwangerschaften vor und nach der Geburt begleitet. Ein gut ausgebildetes Team aus Fachärzten und spezialisiertem Pflegepersonal kümmert sich rund um die Uhr um Mutter und Kind.

Autor*in

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Co-Leitung Neonatologie 922/923

Céline Gautier arbeitet seit 2015 auf der Neonatologie des Kantonsspitals Aarau. Seit Dezember 2017 ist sie Co-Stationsleiterin Pflege Neonatologie und damit für rund 80 Frauen zuständig.