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«Bewegung ist Leben»

Andreas Krebs, 24.02.2022
Chefarzt und Klinikleiter PD Dr. med. Dieter Cadosch spricht im Interview über die aktuelle Bewegungs-Kampagne und das Leistungsangebot der Klinik für Orthopädie und Traumatologie.

Herr Cadosch, aktuell macht die Klinik für Orthopädie und Trauma­tologie des KSA auf Plakaten und Bussen, via Social Media und auf einer Themenseite online auf sich aufmerksam. Was ist das Ziel der Kampagne?
Dieter Cadosch: Wir möchten darauf aufmerksam machen, dass die unbe­schwerte Bewegung nicht für alle selbstverständlich ist. Viele Menschen leiden unter Schulter-, Rücken-, Hüft-, Knie- oder Fussschmerzen oder sind aufgrund von Fehlbildungen, in Folge eines Unfalls oder einer Verletzung, in ihrer Freiheit eingeschränkt. Hier kom­men wir Orthopäden und Traumatolo­ginnen ins Spiel. Wir können in solchen Fällen medizinisch vieles bewegen, damit Betroffene in Bewegung bleiben können. Wir verstehen uns als Chirurgen des Bewegungsapparates. Der Claim der Kampagne – «Wir tun etwas gegen Stillstand» – ist also wörtlich zu verstehen. Natürlich wollen wir mit die­ser Kampagne der breiten Öffentlich­keit auch unser Leistungsangebot, unsere Expertise und chirurgische Fachkompetenz näherbringen. Dies durchaus auch auf unterhaltende Weise. Im demnächst erscheinenden Magazin, aber auch auf der Themenseite bewegung.ksa.ch und auf Social Media vermitteln wir sehr viel mehr als nur me­dizinisches Wissen zum Thema Bewe­gung, Knochen, Gelenke und Muskeln. Es lohnt sich, da mal reinzuschauen.

Früher hat man auf Schonung gesetzt, etwa nach einer OP oder bei Arthrose, heute auf Bewegung. Woher kommt der Sinneswandel?
Früher dachte man, die Schonung sei eine gute Behandlung. Heute weiss man aus der Forschung und auch von unserer Erfahrung, dass genau das Gegenteil der Fall ist: Je aktiver die Patientinnen und Patienten bleiben, desto besser die Muskulatur, desto schneller die Erholung respektive geringer die Abnüt­zungserscheinungen. Das geht einher mit weniger Entzündungen und Schmerzen. Eine gute Muskulatur hat auch eine stabilisierende Wirkung und ist eine gute Prävention von Arthrose, da sie viele Belastungen abfängt.

Was machen Sie am KSA gegen den Stillstand der Patienten?
Gerade geriatrische Patientinnen und Patienten operie­ren wir so bald wie möglich, damit sie rasch wieder mobil werden und in Bewegung bleiben. Dadurch kommt es auch zu weniger Komplikationen. Ziel der postoperativen Behandlung ist des­halb immer, den Patienten so schnell wie möglich bewegen zu lassen.

Wie kann Bewegung postoperative Komplikationen verhindern?
Wenn der Patient bettlägerig ist, be­kommt er Druckstellen und atmet schlechter; besonders ältere Menschen erkranken dann zusätzlich an Atem­wegsinfekten bis hin zur Lungenentzündung. Durch die Bettlägerigkeit baut man auch Muskulatur ab, die da­nach wieder mühsam auftrainiert wer­den muss. Dies versuchen wir durch die rasche Mobilisation zu verhindern.

Wie motivieren Sie Menschen, die bei der Bewegung Schmerzen haben?
Hat der Mensch Schmerzen bei Bewe­gung vermeidet er diese. Man muss natürlich abwägen, wie stark der Schmerz die Lebensqualität des Patienten beein­flusst. Es ist immer eine Gratwande­rung. Oft kann man mit konservativen Massnahmen – Lebensumstellung, Medikamenten, Physiotherapie – erreichen, dass die Schmerzen weggehen und sich der Patient wieder bewegt. Führen die Schmerzen zur Immobilität, ist möglicherweise der Zeitpunkt für eine Ope­ration angezeigt.

Jährlich setzen Sie am KSA rund 230 Hüft-, 160 Knie- und 70 Schulterprothesen ein. Wann raten Sie zu einer Prothese?
Jede Patientin und jeder Patient wird individuell beurteilt. Wir operieren nicht aufgrund von Rönt­genbildern, sondern wenn die Lebens­qualität des Patienten stark beeinträch­tigt und der Leidensdruck hoch ist. Der Patient entscheidet mit, wann dieser Zeitpunkt gekommen ist.

Inwieweit spielt das Alter eine Rolle?
Das Alter allein ist kein Faktor. Ältere Menschen können schliesslich noch extrem fit und aktiv sein und einen hohen Bewegungsdrang haben.

Ich denke auch an jüngere Menschen. Die Lebensdauer von Implantaten ist ja beschränkt.
Diese werden aber stetig besser und langlebiger. Natürlich kommt es auf die Beanspruchung an. Ein Patient kann häufig 25 Jahre oder länger mit einem Implantat problemlos leben, be­vor man es wechseln muss. Auch weil wir technisch in den letzten Jahrzehn­ten so gut geworden sind, kann man heute auch jüngere Patienten prothe­tisch versorgen. Mein bester Freund ist in meinem Alter, Anfang 50, bei ihm mussten bereits beide Hüftgelenke durch Prothesen ersetzt werden. Wir fahren jedes zweite Wochenende zu­sammen Ski und er geht auf die Hoch­jagd im Bündnerland – dies ohne Ein­schränkungen. Bei jungen Patienten versuchen wir aber primär eine Ent­lastung des Gelenkes zu erreichen; das geht meist mit einer Umstellungsope­ration oder Korrektur der Beinachse. So kann man das Problem hinauszö­gern, sodass die Prothese dann viel­leicht erst mit 50 nötig ist.

Im März 2021 haben Sie die Ortho­pädie und die Traumatologie zu einer Klinik fusioniert. Wieso?
Es gibt mehrere Gründe, wieso ich überzeugt bin, dass dies der richtige Weg ist. Einer der wichtigsten ist, dass wir nun die Gesamtkompetenz, die ganze Expertise zusammen haben. So können der Unfallchirurg und der Or­thopäde gemeinsam besprechen, was für den Patienten die beste Therapie ist. Nur so können wir die besten Behand­lungsoptionen anbieten.

Wie ist die Klinik organisiert und wie haben Ihre Kollegen auf die Fusion reagiert?
Wir sind 6 Teams mit rund 35 Ärztinnen und Ärzten: Fuss- und Sprunggelenk, Knie, Becken und Hüfte, obere Extremitäten, Wirbel­säule und Kinder. Ich bin sehr glücklich, dass die Zusammenarbeit so gut funk­tioniert. Ich habe Leute, die das verstan­den haben und das Konzept umarmen und auch leben. Es brauchte aber auch Arbeit in den Köpfen. Es ist eine neue Philosophie. Niemand bricht sich einen Zacken aus der Krone, wenn er einen Kollegen fragt. Im Gegenteil, gerade diese Kooperation zeichnet unsere Kli­nik aus. Wir leben Interdisziplinarität. Und wir pflegen nicht nur unseren klei­nen Garten, sondern holen uns das Fachwissen, indem wir intensiv mit der Uni Basel und der Uni Lausanne zusam­menarbeiten. Zudem haben wir mit der Charité, dem Universitätsklinikum in Berlin, eine internationale Partner­schaft, mit der unsere Ärzte die Möglich­keit haben, eine Ausbildungsrotation zu machen. Das macht uns fachlich stark.

Was sind, neben der Prothetik, weitere Schwerpunkte der Klinik?
Wir decken die ganze Unfallchirurgie ab, von Kindern bis zu geriatrischen Patienten, und die ganze Orthopädie – Unfallfolgen, Infektionen, Abnützun­gen, Sportverletzungen – inklusive Wirbelsäule. Ein weiterer Schwerpunkt sind Schwerverletzte, also polytrauma­tisierte Patienten. Da haben wir einen Leistungsauftrag für die hochspeziali­sierte Behandlung (HSM-Auftrag) mit 24-Stunden-Betrieb, Notaufnahme und Schockraumbehandlung. Ausserdem haben wir zusammen mit dem Univer­sitätsspital Basel ein Zentrum gegrün­det, das hoch spezialisiert ist auf Infektionen des Bewegungsapparats, z. B. Infektionen an der Wirbelsäule oder infizierten Prothesen.

Vielen Dank, Herr Cadosch, für das Interview. Jetzt wird es aber Zeit für Bewegung! Wie halten Sie sich fit?
Mit Sport. Früher war ich Bergführer und Skilehrer. Heute mache ich jedes Wochenende Sport und versuche unter der Woche zwei- bis dreimal joggen oder schwimmen zu gehen. Aktiv blei­ben und eine gute Muskulatur sind die beste Prävention. Ein gesunder Lebens­stil mit gesunder, ausgewogener Ernäh­rung gehört dazu. Und betreffend Osteoporose braucht es zusätzlich eine ausreichende Vitamin D-Aufnahme: Wir haben alle zu wenig Sonne und des­halb zu wenig Vitamin D, ausser man lebt im Engadin (lacht).

Eine Kampagne, die bewegen soll

3 Sujets

«Wir tun etwas gegen Still­stand.» – Die Botschaft der neu­en Kampagne für Orthopä­die und Traumatologie ist klar und die dynamisch-bewegten Bildsujets auf den derzeit vieler­orts in der Region sichtbaren Plakaten und Anzeigen spre­chen eine ebenfalls deutliche Sprache: In dieser Kampagne dreht sich alles um das Thema Bewegung. Leben heisst Bewegung. Die unbeschwerte und schmerzfreie Bewegung ist jedoch nicht für alle selbstverständlich. Viele Menschen leiden unter Schul­ter-, Rücken-, Hüft- oder Knie­schmerzen oder sind aufgrund von Fehlbildungen in ihrer Frei­heit eingeschränkt. Darauf und was dagegen aus medizinischer Sicht sowohl präventiv als auch therapeutisch getan werden kann, macht die crossmedial ge­führte Kampagne aufmerksam. Auf Plakaten, Bussen, via Social Media, Anzeigen sowie auf einer Online-Microsite und in einem Magazin werden das Thema Bewegung und das Leistungsan­gebot der Orthopädie und Trau­matologie auf vielfälti­ge, informative und zugleich unterhaltende Weise präsentiert und zugänglich gemacht. Das Motto lautet dabei: Wir bewe­gen uns, damit Sie in Bewegung bleiben können.

Besuchen Sie uns auf bewegung.ksa.ch.

Autor*in

Aargauer Zeitung