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«Auch in der Nacht war ein Ärzteteam vor Ort»

Valeria Pagani, 18.11.2019
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Auf der Neonatologie des Kantonsspitals Aarau (KSA) werden Frühgeborene sowie kranke Neugeborene und ihre Eltern umfassend versorgt.

Es war ein heisser Sommertag im Juli 2019 an dem Gabriela* mit starken Bauch- und Rückenschmerzen erwachte. Die 28-jährige Bankangestellte war in der 25. Woche mit ihrem ersten Kind schwanger und hätte an diesem Tag arbeiten müssen. Sie entschied sich zuhause zu bleiben und sich auf Empfehlung ihrer Frauenärztin etwas auszuruhen. Erst eine Woche lag die letzte Vorsorgeuntersuchung zurück: dem Kind und der Mutter ging es gut, nichts deutete auf eine Komplikation hin.

Im Verlauf des Tages wurden die Schmerzen immer schlimmer und als sie schliesslich Blutungen entdeckte, schlugen die Alarmglocken. Es folgten Stunden erfüllt von Schmerzen und Ungewissheit. Die Frauenärztin war nicht erreichbar, in ihrem Wunschspital stand kein Arzt zur Verfügung. Schliesslich wurde Gabriela an den diensthabenden Notfallarzt in Aarau verwiesen. Dieser stellte mit Schrecken fest: Der Muttermund war bereits 6 cm geöffnet, die Geburt konnte nicht mehr gestoppt werden. Ein Infekt hatte sie ausgelöst. Der Notfallarzt suchte innert Kürze eine Frauenklinik mit einer Neonatologie-Abteilung auf. Im Kantonsspital Aarau (KSA) war zum Glück ein Bett frei. Gabriela erinnert sich: «Ich möchte nicht wissen, was gewesen wäre, wenn ich nicht ins KSA hätte gehen können. Jedes weiter entfernte Spital war ein Zeitrisiko.»

Dr. Philipp Meyer, Chefarzt Neonatologie im KSA, hielt zum Zeitpunkt des Notrufs einen Vortrag an einem Vorbereitungskurs für werdende Eltern. Wenige Minuten später stand er mit einem Team von Ärzten und Pflegenden im Kreissaal. Von da an ging alles sehr schnell, jede Sekunde zählte. Aufgrund der Fusslage des Kindes musste das Baby bei einer Notfalloperation per Kaiserschnitt geholt werden – 3.5 Monate vor erwartetem Geburtstermin. Sofort wurde das 700 Gramm leichte Mädchen in einem Transportinkubator – einer fahrbaren Frühgeborenen-Intensivstationseinheit – in die Neonatologie verlegt. Die Mutter hatte viel Blut verloren und war entkräftet. Daher konnte sie ihre Tochter Emma* erst am Folgetag auf der Intensivstation der Neonatologie KSA besuchen. Der schönste Moment war zugleich ein grosser Schock für die Eltern: « Emma war an zahlreiche Maschinen angeschlossen, voller Schläuche und mit Sauerstoffmaske. Sie war so klein und zerbrechlich.»

Die ersten Wochen befand sich das Kind in einer riskanten Phase. Gabriela und ihr Mann Jan* sind heute noch sichtlich mitgenommen, wenn sie davon erzählen. Die Mutter erinnert sich: «Es war der Horror. Ich fühlte mich so leer und verwirrt. Wir machten uns grosse Sorgen.» Der 33-jährige Vater bekam kurzfristig frei und verbrachte die erste Woche nach der Entbindung stationär bei seiner Frau. Nach sechs Tagen konnten sie das Spital verlassen. Emma blieb auf der Neonatologie. Es sei eine schwierige Situation gewesen und ein komisches Gefühl. Nun waren sie noch weiter weg vom Kind und alleine zuhause. Gabriela meint, sie habe aber bald ruhig schlafen können: «Ich wusste zwar, mein Kind ist nicht bei mir, aber es ist in besten Händen.

«Das KSA wurde fast wie unser zweites Zuhause.»

Ausserdem konnten die Eltern Emma jederzeit (24/7) besuchen oder sich telefonisch nach ihrem Zustand erkundigen. «Das KSA wurde fast wie unser zweites Zuhause.» Täglich besuchten die Eltern ihre Tochter im Spital zum sogenannten «Känguruhing». Dabei liegt das Kind auf der unbekleideten Brust eines Elternteils. Durch den engen Hautkontakt wird die Bindung zu den Eltern unterstützt. Die Eltern wurden auch früh in die Pflege des Kindes eingebunden. Der Vater, der in einem Schichtbetrieb arbeitet, traf oft erst um Mitternacht im Spital ein. Doch dies stellte kein Problem dar, denn das KSA ist ein Endversorgerspital und in der Neonatologie herrscht 24-Stunden-Betrieb. Die Untersuchung und Pflege der Babys werden dem Tagesablauf der Kinder angepasst. Gabriela und Jan haben dies sehr geschätzt: «Jeder Zeit hatte man eine Ansprechperson. Auch in der Nacht war ein Ärzteteam vor Ort. Jeder kannte den Gesundheitsverlauf unserer Tochter.» Ausserdem wurde den Eltern psychologische Hilfe und rechtliche Unterstützung angeboten.

Bis auf wenige Komplikationen hat sich Emma stets sehr gut entwickelt. Nach 3.5 Monaten durfte sie Anfang Oktober endlich zu ihren Eltern nachhause. Gabriela: «Wir sind unglaublich dankbar zu sehen, wie gut unsere Tochter ‘aufgepäppelt’ wurde. Es klingt vielleicht kitschig, aber für uns waren die Ärztinnen und Ärzte und das Pflegepersonal im KSA fast wie Götter. Dank der schnellen Reaktion bei der Geburt und der intensiven Pflege hat unsere Tochter heute sehr gute Chancen, ein normales Leben zu führen.»

*Name geändert

SRF-Beitrag zu den Geheimnissen der Muttermilch

Autor

Redaktorin