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Ralph Schröder, 24.09.2019

Im Untergrund des Spitals

Sie sind nicht sichtbar, ein wenig unheimlich, aber dennoch beeindruckend. Die Rede ist von den unterirdischen und weitläufigen Transport- und Versorgungskanäle des Spitals.

Ein Erlebnisbericht aus der Spitalunterwelt.

Eine Redensart sagt bekanntlich: Alles Gute kommt von oben. Gemeint ist da ursprünglich der göttliche Himmel, von dem alles Positive ausgeht, wohingegen alles Üble und Böse in den Tiefen der Hölle, also unten angesiedelt ist. Das helle, lichte Gute oben, das Dunkle und Böse unten, auch unsere Vorstellungen sind noch von diesen Kategorien durchdrungen. In den Kellern herrscht eher die Furcht und in den höheren Etagen kommt Freude auf, steigen die Aussicht und die Erwartung auf etwas Schönes und Gutes.

Auch in unserem Spital finden die erfreulichen Dinge meist in den oberen Etagen statt, die Geburten, die erfolgreichen Operationen, die Behandlungen und die Genesung in den Patientenzimmern. Doch unter der sichtbaren Ober­fläche des Spitals verbirgt sich noch eine andere Welt, eine Welt, an die selten jemand denkt, die man immer wieder vergisst, selbst dann, wenn man sie kennt, schon einmal unten gewesen ist oder täglich in ihr verkehrt. Die Rede ist von den unterirdischen Transport- und Versorgungskanälen, die den Untergrund des gesamte Spitalareals durchziehen und sämtliche Gebäude miteinander verbinden.

Wie diese Welt dort unten genau aussieht, wie es sich anfühlt, wenn man etwas länger als nur kurz von Haus A nach Haus B unterirdisch unterwegs ist und was einem dort so alles begegnet, das wollte ich schon immer mal erkunden. Also beschloss ich, mich Anfang August mal einige Stunden nur im Spitaluntergrund zu bewegen, mich umzuschauen, was es hier zu sehen und zu hören gibt, auch im Wissen, dass hier unten vieles geschieht und vor allem auch Menschen arbeiten, die sich teilweise ausschliesslich dort aufhalten.

Mein rückblickendes Fazit nach rund 6 Stunden Aufenthalt in der Spital-Unterwelt: faszinierend, beeindruckend, aber auch gewöhnungsbedürftig.

Es gibt Orte und Winkel in diesem weitverzweigten Kanalsystem, die unheimlich anmuten. Dass man sich unter einem Spital befindet, ist nicht auf den ersten Blick erkennbar, würde man nicht hin und wieder Patientenbetten begegnen, einzelnen Pflegefachkräften oder dem einen oder anderen Arzt oder einer Ärztin. Man wähnt sich zuweilen eher wie in einem Bergwerkstollen oder einer unterirdischen Befestigungsanlage.

Die schummrigen und manchmal stockdunklen, nur durch einen Bewegungsmelder kurzfristig beleuchteten Gänge haben oft auch etwas beängstigend Unheimliches. Die nicht verortbaren Geräusche, die du hörst, wenn du durch die leeren Gänge schreitest, verstärken dieses Gefühl. In den zahllosen Rohren und Leitungen an den Decken rauscht und knackt es zuweilen, du hörst das klackende und gleitende Geräusch der Rohrpost, das Aufheulen eines Gebläses oder Generators, dann plötzlich wieder eine dumpfe Stille. Hinzu kommt das eher schwüle Klima, das hier unten herrscht, die auf Dauer fehlende Frischluft.

Auf einigen Abschnitten abseits des rund 250 Meter langen und kerzengeraden Hauptversorgungskanals zwischen Haus 2 und Haus 1 und dem Zentralmagazin/Küche bist du froh, wenn dir zwischendurch jemand begegnet, eine Fahrradklingel ankündigt, dass jemand gleich um die Ecke biegt, oder das Summen eines Elektromobils inklusive metallischem Ruckeln signalisiert, dass sich ein Transportfahrzeug mit Anhänger nähert. Ansonsten könntest du hier unten an manchen Orten auch glatt verloren gehen. Zum Glück funktioniert der Handyempfang und trifft man immer mal wieder auf eine Türe, die – so viel ist sicher – immer nach oben führt.

Doch zwischenzeitlich ist hier unten auch immer wieder ganz schön viel los. Das unterirdische Kanalsystem bildet ein einzigartiges Strassenverkehrsnetz mit Haupt- und Nebenstrassen, auf denen sich Fussgänger, Fahrräder, Handwagen, Elektromobile, Patiententransporte und weitere Fahrgeräte bewegen. Zu bestimmten Stosszeiten, z. B. während der Essensausgabe ab 11 Uhr morgens, wenn die Elektrotransporte mit teilweise bis zu 7 Anhängern durch die Gänge brausen, herrscht reger (Gegen-)Verkehr. Dann ist besondere Vorsicht geboten, egal ob du zu Fuss, mit dem Fahrrad oder einem anderen Fahrzeug unterwegs bist. Wer welche Fahrbahn oder -spur wählt, ob eher Rechts- oder Linksverkehr gilt, ist nicht klar geregelt, so zumindest mein Eindruck. Die Zufahrtswege an den Kreuzungen sind nicht einsehbar. Aber zum Glück sorgen aufgehängte Warnspiegel an praktisch jeder Kreuzung für mehr Übersicht und helfen bei der Vortritts­regelung.

Die schwierige Orientierung

Was die Orientierung im Untergrund betrifft, so behaupte ich: Wer sich oben auf dem Areal nicht auskennt, der ist hier unten zunächst mal ziemlich verloren, an zu vielen Stellen sieht alles ähnlich aus, gleicht ein Gang oder Kanal dem anderen trotz dem teilweise unterschiedlichen und sichtbaren Alter der Kanäle. Zwar weisen die Beschriftungstafeln mit Zahlen an jeder Verzweigung, in welche Richtung du laufen oder fahren musst, wenn du ein ganz bestimmtes Haus unterirdisch erreichen willst, das bedingt aber, dass du erstens weisst, welche Zahl für welches Haus steht, und zweitens, wo sich dieses Haus oben auf dem Spitalareal befindet. Nur so behältst du hier unten einigermassen die Orientierung und weisst, wo du dich gerade befindest. Doch selbst dann bleibt es nicht ganz einfach. Ich bin des Öfteren jeweils kurz stehen geblieben und versuchte mir vorzustellen, was sich jetzt gerade für ein Gebäude über mir auf dem Areal befinden könnte, nur so konnte ich mich einigermassen orientieren.

Als ich an diesem Morgen vor Arbeitsbeginn gleich die erste Gelegenheit nutzte und beschloss, statt wie üblich über den oberirdischen Kummlerweg vom Bahnhof kommend den Einstieg in den unterirdischen Transportkanal zu wählen, der von Haus 60 leicht ansteigend zum Haus 4 führt, hatte ich trotz meiner langjährigen Orts­kunde hier auf dem Areal meine liebe Mühe, den unterirdischen Weg zu finden, der mich möglichst nahe an mein Büro im Direktionsgebäude H22 führt. Ich hatte diesen Weg noch nie gewählt. Es regnete in Strömen an diesem Tag. Viele hatten wie ich den Schutz im Kanal Richtung Hauptgebäude gesucht – einer der häufigsten Gründe überhaupt, warum viele Mitarbeitende den unterirdischen Weg nutzen –, doch keiner war darunter, der mir oben an der ersten Kreuzung angekommen, den genauen Weg unterirdisch via Haus 2A/Haus 4 zum Haus 3 zeigen konnte. Man kennt sich hier unten nur wirklich aus, wenn man entweder im Transport- und Versorgungsdienst oder beim Patiententransport arbeitet. Man kennt zwar seinen Weg, aber nicht, wohin all die übrigen Wege führen, so mein Eindruck.

425 unterirdische Fahrten pro Tag

Zum Glück traf ich einen Mitarbeiter vom Transportdienst, der gerade dabei war, einen Wäsche­pool unter Haus 2A zu befüllen, der mir die exakte Richtung wies. Die Leute vom Transportdienst und der Wäscheversorgung sowie jene vom Patiententransport sind natürlich die eigentlichen Herren der Spitalunterwelt. Sie kennen jede Ecke und jeden Winkel hier unten. 71 Kehricht-Con­tainer (43 kg pro Container) und 22 mit Karton und Papier gefüllte werden täglich aus dem Spital gekarrt, 50 Wagen à 60 Kilo mit sauberer und rund 15 Wagen à 185 Kilo schmutzige Wäsche werden pro Tag zwischen den Häusern und der Wäscheversorgung hin- und hergefahren. 84 Fahrten mit rund 290 Mahlzeitenwagen werden täglich zu den Essenszeiten gemacht, dazu kommen Fahrten mit Sterilgut oder infektiösem Material und rund 200 Kurzfahrten für spontane Transportaufträge. Insgesamt sind das 640 transportierte Wagen, die täglich durch das unterirdische Strassennetz geführt werden, pro Jahr sind das rund 220 000 Wagen.

Das Fahren mit den Elektromobilen will gelernt sein. Bis zu 7 Anhänger werden beispielsweise bei den Essenstransporten um die Mittagszeit mitgeführt. Ich durfte einen Essenstransport begleiten und auf dem Fahrerbeisitz Platz nehmen. Das Tempo ist erstaunlich hoch, die Essensfahrten sind genau getaktet, müssen nach einem strengen Fahrplan durchgeführt werden. An manchen Stellen und Kreuzungen müssen enge Kurvenradien gefahren werden, es ruckelt und schüttelt. Der Bodenbelag in den Versorgungskanälen ist nicht überall gleich eben, doch die Fahrer scheinen jede Unebenheit und jede Bodenwelle zu kennen, weichen entsprechend aus oder wechseln die Fahrspur.

Unterirdische Arbeitsplätze

Wieder zu Fuss unterwegs entdecke ich auf meiner Erkundung der Unterwelt auf der Höhe von Haus 6 in einem eher dunklen und schmalen Kanal eine offene Tür, die in einen weiteren, begehbaren, aber nicht befahrbaren Kanal zu führen scheint. Der Kanal wirkt sehr alt, gleicht eher einem Stollen, der Putz an den Wänden bröckelt und die Decke ist eher niedrig. Den Wänden entlang stapelt sich Verbrauchsmaterial, die Deckenbeleuchtung ist spärlich. Ich wage zunächst nicht, den Stollen zu betreten, bis ich plötzlich ganz hinten eine Person zu erkennen glaube. Neugierig trete ich ein und laufe langsam nach hinten und treffe nach circa 20 Metern tatsächlich auf einen Arbeiter. Ganz hinten im Stollen öffnet sich plötzlich ein unverputzter, aber hell beleuchteter Raum, in dem sich zwei weitere Personen befinden und vor einem Computer sitzen. Ich staune nicht schlecht, als mir gesagt wird, ich befände mich hier im sogenannten Elektromagazin. Dass sich so tief unten und versteckt auch Arbeitsplätze verbergen, die diesen Namen eigentlich nicht verdienen, damit habe ich natürlich nicht gerechnet. Ich habe auf meinen unterirdischen Wegen hinter vergitterten Lagerräumen rudimentär eingerichtete Pausenzonen gesehen und bin in den Untergeschossen der Gebäude zum Teil auf sehr einfache, aber gemütlich eingerichtete Aufenthaltsräume gestossen, aber Arbeitsplätze wie diesen hätte ich hier unten wahrlich nicht erwartet. Nichtsdestotrotz, die Elektriker schienen gut gelaunt und längst an die unwirtliche Umgebung fernab von jedem Tageslicht gewöhnt. Ich persönlich war jedoch nicht unglücklich, als ich aus diesem verborgenen und eher unfreundlichen Winkel wieder hinaustreten konnte. Auf jeden Fall kein Ort für Klaustro­phobiker.

Die Unterwelt des Spitals ist kein Ort der Gemütlichkeit, das steht fest und ist jedem klar, der sich hier unten bewegen und aufhalten muss. Nichtsdesotrotz hat man versucht, dem monotonen Grau in Grau, das hier unten in den Gängen mehrheitlich herrscht, etwas entgegenzusetzen. Immer wieder brechen in leuchtendem Gelb oder Rot gehaltene Farbflächen an den Wänden das Betongrau auf oder sorgen rote Wellenlinien auf den weissgetünchten Wänden dafür, dass sich der Blick nicht im dunklen Grau verliert. An manchen Stellen sorgen grossflächige Wandbilder mit Naturmotiven für eine kurzfristige Illusion von Aussenwelt. Doch auch die Bilder von überdimensionierten bunten Schmetterlingen oder einer riesigen Eidechse laden nicht wirklich zum Verweilen ein, ebensowenig wie die lyrischen Verse da und dort an den Wänden nicht darüber hinwegtrösten können, dass der Gang oder die Fahrt durch die schummrigen Kanäle ein notwendiges Übel bleibt. Sie sorgen für Abwechslung, für eine gewisse Orientierung und helfen, die Konzentration wach zu halten, doch die meisten nichtmobilen Patientinnen und Patienten, die aufgrund der dezentralen Pavillonstruktur des Spitals unterirdisch in ihren Betten von einem Haus ins andere gefahren werden müssen, werden einen solchen Transport wohl eher als eine kleine Geisterfahrt erleben und froh sein, wenn sie wieder ans Tageslicht kommen.

Dass auch im Spital Verstorbene in aller Regel unterirdisch transportiert werden und in die Pathologie überführt werden, auch das gehört zur  nicht alltäglichen, aber festen Realität der Spitalunterwelt.

Lieber oben als unten

Nach knapp 6 Stunden Aufenthalt im Untergrund bin ich froh, wieder frische Luft atmen und Tageslicht sehen zu können. Fest steht: Das Spital in seiner heutigen Struktur könnte ohne die Transport- und Versorgungskanäle nicht funktionieren. «Von unten» kommt und passiert in diesem Sinn für das Spital ganz viel Gutes, wenn auch vorwiegend Zweckdienliches und Notwendiges. Die Kanäle sorgen für rasche und kurze Verbindungen, erleichtern insbesondere die betrieblichen und Versorgungsarbeiten und bieten Schutz vor Regen und im Winter auch vor Kälte. Die verkehrsreiche Spitalunterwelt ist faszinierend und beeindruckend, einladend ist sie sicher nicht. Da ziehe ich einen Spaziergang durch den grünen Spitalpark jederzeit vor.

Ralph Schröder

Autor

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Redaktor/Stv. Mediensprecher

Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter ist Ralph Schröder seit 2011 ein engagierter und bedachter Texter für das KSA, der es jederzeit versteht, dem geschriebenen Wort Verständnis und Sinn einzuimpfen.