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Ralph Schröder, 10.09.2019

KV-Lernende und Hobbyschriftstellerin

Die 16-jährige Joelle Lehmann hat im August letzten Jahres ihre Lehre zur Kauffrau im KSA begonnen. Wer Joelle als eher zurückhaltend wahrnimmt, ahnt nicht, welche Kräfte in ihr schlummern.

Als Hobbyschriftstellerin ist sie in der Lage, Kreaturen und Charaktere zu schaffen, vor denen es dir bange werden kann. Aktuell schreibt sie eine Geschichte über Werwölfe.

In Joelle Lehmanns Kopf passiert meist eine ganze Menge. Wenn sie sich nicht auf ihre Arbeit konzentrieren muss, öffnet sie gerne das Tor zu ihren Fantasiewelten, zu den Geschichten, die sich in ihrem Kopf abspielen. Geschichten, die sie selbst entwickelt und an denen sie weiterfeilt. An Ideen und Einfällen mangelt es ihr nicht, im Gegenteil. In ihrem Kopf und in ihren Schubladen lagern jede Menge Geschichten, abgeschlossene und angefangene, Szenenskizzen und Charaktere, die sie in ihre Erzählungen einbauen könnte und weiterentwickeln möchte. Joelle gehört zu denjenigen, die die Welt als eine Bühne für Erzählungen betrachten, die überall Geschichten wittern und erkennen. Und es werden immer mehr. «Wenn ich im Alltag unterwegs bin, beobachte ich ständig Szenen oder schnappe Dialoge auf, die mich entweder zu einer neuen Idee für eine Geschichte inspirieren oder die ich in eine gerade aktuelle einbauen könnte.» Zweifellos: Wer so unterwegs ist, ständig auf der Suche nach Nahrung für seine Fantasie, der trägt eine Schriftstellerseele in sich. Und tatsächlich, schon ganz früh, erinnert sich Joelle, habe sie sich für Buchstaben und deren Bedeutung interessiert, und kaum konnte sie lesen und schreiben, sei es auch schon mit dem Erzählen von eigenen Geschichten losgegangen, zunächst in Rollenspielen, wie es Kinder gerne machen, nur dass hier Joelle meist die Regie übernahm und klare Anweisungen gab, wer sich wie in einer Geschichte zu bewegen hatte und wie die Geschichte sich entwickeln sollte. Aber auch mit dem Aufschreiben von Kurzgeschichten hat sie sehr früh begonnen. Bereits mit zehn Jahren erntet sie für das Vorlesen einer zum Geburtstag ihres Grossvaters selbst geschriebenen Kurzgeschichte mit dem Titel «Das Fest» grossen Applaus in der Familie, aber auch von den anwesenden Gästen. Die Geschichte sei so raffiniert gestrickt, so etwas würde man vielleicht von einer Oberstufenschülerin erwarten, aber nicht von einer Zehnjährigen, erklärte ein damals zu den Gästen zählender Bezirkslehrer. Das sei natürlich sehr motivierend gewesen, sagt Joelle. Mit dem Geschichtenschreiben hat sie seither auf jeden Fall nicht mehr aufgehört. Die noch junge Lebensgeschichte von Joelle beginnt in Zofingen, genauer im Spital Zofingen, wo sie 2002 zur Welt kommt. Ihre Kindheit und Schulzeit verbringt sie in Rothrist/AG, wo die Familie seit 2010 ein Haus besitzt. Joelle wird in ihrer Kindheit von zahlreichen Krankheiten und gesundheitlichen Problemen geplagt. Eine erblich bedingte Immunschwäche führt dazu, dass Joelle oft krank ist. Wegen einer ebenfalls angeborenen Blutgerinnungsstörung (Von-Willebrand-Syndrom) muss sie sich besonders vor Verletzungen hüten, und im Kindergartenalter wird bei ihr dann auch noch Asthma festgestellt.

„Die Fantasie ist für mich ein Zufluchtsort.“

Ein bisschen viel fürs zarte Kindesalter und möglicherweise eine Erklärung für ihr sensibles Gespür für Geschichten, für ihre so geliebten Rückzüge in ihre Fantasiewelten. Ein ständig gereizter Blinddarm, wie nach der Entfernung mit 11 Jahren vermutet, sorgt ausserdem bis dahin für latente Bauchschmerzen. Die vielen gesundheitlichen Probleme, die sich heute Gott sei Dank auf ein erträgliches Mass beschränken und sich zum Teil ausgewachsen haben, haben zu vielen und regelmässigen Kontrollbesuchen im Spital geführt. Das KSA resp. die hiesige Kinderklinik ist Joelle von früh auf sehr vertraut. Ihre Mutter ist dipl. Pflegefachfrau, ihr Vater Wirtschaftsinformatiker mit KV-Hintergrund. Eine Ausbildung zur Fachfrau Gesundheit wäre etwas gewesen, was sie durchaus interessiert hätte, wäre da nicht das Problem mit den Spritzen und anderen Körpersäften gewesen, denen sie lieber nur in ihren Fantasiewelten begegnet. Dass sie heute dennoch im Spital arbeiten kann, empfindet sie als grosses Glück. Mit der KV-Lehre im Spital habesie genau das gefunden, was sie gesucht habe, auch mit Blick in die Zukunft, zumal das KV ein Sprungbrett für viele Weiterbildungen ist. Aktuell absolviert Joelle das sogenannte Betriebspraktikum und lernt das Spital von sehr unterschiedlichen Seiten kennen, bevor es wieder in den normalen Lernalltag mit Rotationen auf den Abteilungen Patientenabrechnung, Debitorenmanagement, Beschaffung und Logistik, im Personaldienst oder der Telefonzentrale geht. Zwei Tage in der Woche besucht sie die Berufsschule. In ihrer Freizeit besucht sie andere Regionen. Fiktive Gegenden und Räume, die sie sich selbst erschafft. Aktuell ist Joelle an einer Werwolf-Geschichte dran. Aber nicht, was sich die meisten von uns darunter vorstellen, mit Verwandlung bei Vollmond in ein blutrünstiges Wolfstier oder so ähnlich. Bei Joelle ist das einiges komplexer. Es geht um unterschiedliche Seelen in einer Brust, um andere seelische Dimensionen, um Seelenverwandtschaft und -verwandlung und um besondere Fähigkeiten, die man durch die Beherrschung von Elementen erlangen kann. Also nichts für nur an Grusel und Horror Interessierte. Das erste Kapitel ist bereits geschrieben und kann auf der Schreib- und Leseplattform «wattpad.com» nachgelesen werden unter dem Pseudonym «dragondaughter». Ihre jüngere Schwester hat sie darauf gebracht, mit ihren Geschichten an die Öffentlichkeit zu gehen. Sie ist auch ihre kritischste Leserin, gemeinsam feilen sie jeweils an der Logik der Geschichten, an der Ausarbeitung von bestimmten Charakteren. Aber Joelle ist nicht grundsätzlich auf ein Genre festgelegt. Im Moment geht es um Fantasy, aber auf eine bestimmte Art von Geschichtenschreiben mag sie sich nicht festlegen. Auch einen Krimi, einen Thriller, eine Liebes- oder auch eine völlig realistische Geschichte kann sie sich vorstellen. Ideen dafür hat sie genug. Schreiben tut sie im Übrigen gerne abends, manchmal an den Wochenenden bis tief in die Nacht, meist barfuss und mit Musik auf den Ohren. Warum, weiss sie nicht. Wahrscheinlich gelingt das Abdriften in die Fantasiewelten damit leichter. Was ihre Zukunft betrifft, so hält sie sich viele Optionen offen. Fest steht, dass sie möglichst schnell auf eigenen Beinen stehen, sich etwas ansparen möchte, um für eine Weile fremde Länder bereisen zu können. Andere Kulturen, Bräuche und Religionen interessieren sie, und ja, irgendwann mal ein richtiges Buch veröffentlichen, das wärs.

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Autor

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Redaktor/Stv. Mediensprecher

Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter ist Ralph Schröder seit 2011 ein engagierter und bedachter Texter für das KSA, der es jederzeit versteht, dem geschriebenen Wort Verständnis und Sinn einzuimpfen.