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Ralph Schröder, 14.11.2019

Schröders Alternativmedizin: Retro-Medizin

Wissenswertes aus der Welt der Paramedizin. Eine Glosse

Retro ist in. Schon lange und immer wieder. Und seit Neustem sogar dauernd. Was morgen neu und gut ist, ist übermorgen schon wieder retro und deswegen noch besser.

«Forward to the past», das wird sich vielleicht auch der niederländische Medizinhistoriker und Sammler von Medizintechnik aus dem letzten Jahrhundert, Prof. Piet Gezondmaker aus Den Haag, und seine Weggefährtin Maike Van Geestern gesagt haben, als sie vor ein paar Monaten die erste Klinik für Retro-Medizin im niederländischen Leiden gegründet haben. «Wer sich bei uns behandeln lässt», so das in alter Groteskschrift gestaltete Spitalprospekt, «kommt in den Genuss von analoger Medizintechnik, historisch-nostalgischem Spitalflair und konservierten Umgangsformen.»

 

alter Bettensaal

«Grotesk», so lautet das Verdikt der internationalen Fachwelt. Doch Gezondmaker kontert: «Wir sprechen nicht nur von konservativer Therapie, wir bieten sie auch ernsthaft an und haben dafür die entsprechende Umgebung geschaffen», erklärt er. Bezug nimmt er auf sein Konzept mit Wachsälen mit bis zu 20 Betten, der Wiederverwendung von Quecksilber-Thermometern, Hörrohren und sonstigen Gerätschaften von anno dazumal sowie dem ausdrücklichen Verzicht auf gendergerechte Umgangsformen («Bei uns darf man immer noch Krankenschwester sagen») und sozialmediale Berieselung via Internet. Für hart gesottene Mittelalter-Freaks und Fantasy-­Fans à la «Herr der Ringe» bietet das Retrospital auch ein originalgetreu eingerichtetes Siechenhaus mit Selbstverpflegung an.

«Entschleunigung» ist ein Schlagwort, das in aller Munde ist, bei uns sind deswegen lange Liegezeiten und Langsamkeit statt Hektik erwünscht. Wir liegen damit voll im Marketingtrend aller privat betriebenen Gesundheitshäuser, die ihre Wellness- und Hotelleriebereiche massiv ausbauen und auf diese Weise um Patienten buhlen», so Gezondmaker. Nostalgie als bewährte Variante in der Event­gastronomie, der Hotel- und Touristikbranche habe deshalb auch im Spital ihre Berechtigung.

«Wir brauchen vielleicht mehr Zeit, um unsere Patienten gesund zu machen», sagt Oberschwester Van Geestern, dafür sorgt der direkte und gepflegte soziale Kontakt in unseren Wachsälen und unsere nostalgische Ästhetik für eine erwiesenermassen extrem niedrige Rehospitalisierungsrate. «Wer einmal bei uns war, will so schnell nicht mehr wiederkommen», sagt Prof. Gezondmaker mit stolzer Brust.

Autor

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Redaktor/Stv. Mediensprecher

Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter ist Ralph Schröder seit 2011 ein engagierter und bedachter Texter für das KSA, der es jederzeit versteht, dem geschriebenen Wort Verständnis und Sinn einzuimpfen.