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Von Weisheitszähnen und Stolperstürzen

Valeria Pagani, 16.09.2020
Die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie des Kantonsspitals Aarau ist 24/7 im Einsatz. Sie wird unter der Leitung von Prof. Dr. Dr. Christoph Sebastian Leiggener geführt.

Herr Prof. Leiggener, Sie sind Chefarzt der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie und stv. Leiter des Kopf- und Halskrebszentrums im Kantonsspital Aarau. Welche Beschwerden bzw. Erkrankungen haben Ihre Patientinnen und Patienten?

Die Fachärztinnen und Fachärzte unserer Klinik sind Humanmediziner und Zahnmediziner in einem. Entsprechend breit ist unser Behandlungsspektrum: Es umfasst zum einen komplexe zahnärztliche Eingriffe wie Zahnentfernungen, Zystenbehandlungen im Kiefer oder das Einsetzen von Zahnimplantaten, wenn nötig unter Vollnarkose. Zum anderen behandeln wir Kiefergelenkserkrankungen, wachstumsbedingte Kieferfehlbildungen, geburtliche Lippen- und Gaumenspalten sowie Kopfdeformitäten bei Säuglingen (Helmtherapie). Auch die Diagnostik und die Therapie von Krebserkrankungen und Schmerzbehandlungen im Bereich des Kiefers und der Mundschleimhäute gehören zu unseren Aufgaben. Und schliesslich führen wir auch Gesichtsrekonstruktionen nach Unfällen durch. Wir behandeln Patienten jeden Alters, vom Neugeborenen bis hin zu über 90-Jährigen. Stichwort Unfallchirurgie: Was sind die häufigsten Ursachen für Gesichtsverletzungen? Brüche im Gesichtsbereich gehen oft auf Arbeits-, Verkehrs- oder Freizeitunfälle zurück. Letztere sind saisonabhängig. Im Winter sind es vor allem Schlittel- und Skiunfälle, im Sommer häufen sich Stürze mit Mountainbikes. Generell nehmen Unfälle mit E-Bikes zu. Hingegen sind Verkehrs- und Arbeitsunfälle seit einigen Jahren rückläufig. Deutlich zugenommen haben hingegen Stolperstürze bei der älteren Bevölkerungsgruppe. Die Patientinnen und Patienten stürzen beim nächtlichen Gang auf die Toilette, stolpern beim Rennen auf den Bus oder beim Spazieren und ziehen sich Gesichtsverletzungen zu.

 

Prof. Dr. Dr. Christoph Sebastian Leiggener

Sind Verletzungen in Gesicht und Mund besonders heikel?

Gesichtsverletzungen haben häufig unangenehme Nebenerscheinungen: Kauen ist kaum möglich, Schlucken und Reden fällt schwer, und Schwellungen entstellen das Gesicht. Essen, Trinken, Schmecken und das gewohnte eigene Erscheinungsbild sind enorm wichtig für die Lebensqualität eines Menschen. Eine schwere Mittelgesichtsverletzung kann diese Fähigkeiten und diese Wahrnehmung stark beeinträchtigen, wenn auch meist auf absehbare Zeit. Bei einigen Verletzungen sind auch Notoperationen nötig. Blutergüsse im Bereich der Augenhöhle müssen schnell entlastet werden, um bleibende Sehschäden zu verhindern. Vereiterungen von Zähnen in der Mundhöhle können sich in den Hals ausweiten und die Atemwege verlegen. Solche Fälle müssen sehr rasch von Spezialisten beurteilt und behandelt werden. Dafür sind wir von der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie im KSA sieben Tage die Woche rund um die Uhr im Dienst.

«Wir sind rund um die Uhr da und übernehmen deshalb auch Notfallpatienten aus anderen Aargauer Spitälern. »

Prof. Dr. Dr. Christoph Sebastian Leiggener

Wie ist Ihr Team aufgestellt, und wie gestaltet sich die Zusammenarbeit mit anderen Fachrichtungen und Spitälern?

Zurzeit sind wir sieben Fachärztinnen und -ärzte in der Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie. Wir teilen uns die 24 Stunden in Zweierteams im Schichtdienst. Zu Randzeiten und am Wochenende werden für die Diagnostik und die Behandlung auch Patientinnen und Patienten von umliegenden Spitälern überwiesen. In komplexen Fällen arbeiten wir im KSA eng mit den Spezialistinnen und Spezialisten der Nachbardisziplinen zusammen: mit der Ophthalmologie (Augenheilkunde), der plastischen Chirurgie, der HNO-Klinik (Hals-Nasen-Ohren-Klinik) sowie mit der Neurochirurgie im Bereich der Traumatologie, der Tumorchirurgie und Rekonstruktionen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit funktioniert sehr gut. Ausserdem haben wir für Sprechstunden, Ausbildung und Forschung einen Kooperationsvertrag mit dem Unispital Basel.

 

Haben Sie ein konkretes Fallbeispiel für die interdisziplinäre Zusammenarbeit am KSA?

Kürzlich wurde ein zehnjähriges Kind eingeliefert. Eine Schaukel hat es direkt im Gesicht getroffen. Die Lippen waren verletzt, die Oberkieferzähne waren alle eingeschlagen und mussten unter Narkose mit einer Schiene befestigt werden. Dabei unterstützten uns die Spezialistinnen und Spezialisten der Anästhesie sowie der Kinderchirurgie. Bei Nebendiagnosen wie beispielsweise einer Hirnerschütterung würde auch die Neurochirurgie beigezogen. Ältere Unfallpatientinnen und -patienten bringen häufig Grunderkrankungen wie Bluthochdruck oder Vorerkrankungen am Herz mit. Solche Fälle benötigen viel Fachwissen, und deshalb besprechen und definieren wir den Behandlungsablauf gemeinsam in interdisziplinären Teams.

Oft benötigt es die Zusammenarbeit mehrerer Fachärzte. Das KSA hat als einziges Spital im Kanton alle jederzeit verfügbar.

Was sind die grössten Herausforderungen bei Ihrer Arbeit?

Wir sind sehr gut ausgerüstet und haben alles für den Notfall: Computertomografie (CT), Magnetresonanztomografie (MRI) sowie Operationskapazitäten stehen jederzeit zur Verfügung. Im Bereich der computerassistierten und in 3D in Echtzeit navigierten Chirurgie sind wir innovativ unterwegs. Viele Behandlungen sind minimalinvasiv möglich. Das heisst, es braucht nur ganz kleine Schnitte. Ausserdem werden für Operationsplanungen 3D-Modelle gedruckt. Eine der grössten Herausforderungen ist sicherlich, den Patientinnen und Patienten zu erklären, wie man behandelt – ihnen die Angst zu nehmen und Zuversicht zu geben. Mir persönlich ist es wichtig, Vertrauen aufzubauen und offen zu sein für ihre Fragen und ihre Bedürfnisse. Die Patientinnen und Patienten sollen sich ernst genommen fühlen.

Über den Arzt

Chefarzt Professor Dr. med. Dr. med. dent. Christoph Sebastian Leiggener leitet seit zwei Jahren die Mund-, Kiefer- und Gesichtschirurgie (MKG) und ist stv. Leiter des Kopf- und Halskrebszentrums am Kantonsspital Aarau (KSA). Seine Ausbildung absolvierte er am Unispital Basel. Das Unispital Basel hat das KSA in der Kieferchirurgie lange unter der Leitung von Prof. Dr. med. Dr. med. dent. Dr. h.c. Hans-Florian Zeilhofer unterstützt. Die enge Zusammenarbeit mit Basel besteht nach wie vor; seit 2015 verfügt die MKG am KSA jedoch über eine eigene Klinik und ein fixes, für den Kanton Aargau zuständiges Facharztteam.

Rund um die Uhr bereit für die Aargauer Bevölkerung

Das KSA spielt eine zentrale Rolle im Kanton

Die Notfallversorgung ist im Kanton Aargau, wie sie am ­Beispiel des Augennotfalls von ­Roger Guerdi oben beschrieben wird, rund um die Uhr gewährleistet. Das Kantonsspital Aarau (KSA) zeichnet sich im Speziellen durch eine dauerhafte Bereitstellung höchster medizinischer Fachexpertise aus – unabhängig davon, ob die Fachärztinnen und Fachärzte unmittelbar einen Einsatz haben. Aufgrund seiner Grösse und Bedeutung für den Kanton ist das KSA für die Versorgungssicherheit der Aargauer Bevölkerung von zentraler Bedeutung. Das KSA ist das grösste Spital des Kantons und mit 4607 Mitarbeitenden einer der bedeutendsten Arbeitgeber. Das KSA erbringt Leistungen von der Grundversorgung bis zur hochspezialisierten Medizin und behandelt jährlich 29000 stationäre und 534000 ambulante Fälle.

Jederzeit bereit für Notfälle und komplexe Fälle

Die Rund-um-die-Uhr-Bereitschaft während 365 Tagen bringt dem KSA in seiner Rolle als führendes Spital eine Reihe von Aufgaben von öffentlichem Interesse, die aber durch stationäre oder ambulante Tarife nicht gedeckt sind und die deshalb auch nicht angeboten werden, wenn der Kanton sie nicht mitfinanziert. Aktuell nicht unterstützt werden alle Leistungen des KSA als Endversorgerspital in den Bereichen der spezialisierten und hochspezialisierten Medizin. Das KSA stellt gerade in diesen Bereichen medizinische Infrastruktur und hochqualifizierte Fachspezialistinnen und Fachspezialisten bereit – auch an Weihnachten, Silvester, mitten in der Nacht und natürlich tagsüber, wenn das Spital im Vollbetrieb läuft. Damit stellt das KSA sicher, dass es jeden Notfall jederzeit in höchster Qualität bewältigen kann. Das KSA ist als einziges Spital des Kantons in der Lage, fast sämtliche komplexen Fälle eigenständig zu versorgen. Eine Verlegung der Patientinnen und Patienten an ein Universitätsspital ist nicht notwendig. Auch deshalb werden viele Fälle aus anderen Aargauer Spitälern ans KSA verlegt und dort behandelt.

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Redaktorin