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Urologischer Krebs und seine Auswirkungen auf die Psyche

Krebsbetroffene müssen im Verlauf ihrer Erkrankung verschiedenste Herausforderungen meistern. Bei urologischen Krebsarten kommt hinzu, dass sie für viele Betroffene ein Tabuthema sind.

Kristin Murpf, Psychotherapeutin der Psychoonkologie am Kantonsspital Aarau erklärt, wie Patientinnen und Patienten ihre krankheitsspezifischen Ängste bewältigen können und welche gezielten Angebote es dafür gibt.

kristin murpf
Kristin Murpf, Psychotherapeutin, Co-Leitung Psychoonkologie

 

Frau Murpf, mit welchen psychologischen Herausforderungen sind Betroffene von urolo­gischen Krebserkrankungen konfrontiert?

Kristin Murpf: Jede Krebserkrankung ist eine psychologische Herausforderung. Betroffene fühlen sich oftmals, als würde ihnen der Boden unter den Füssen weggezogen. Sie haben Angst vor der Behandlung, vor Schmerzen und einer ungewissen Zukunft. Auch das lange Warten auf die vielen Untersuchungstermine und -resultate sowie die therapeutischen Nebenwirkungen sind grosse Belastungsfaktoren. Bei urologischen Krebserkrankungen kommen Sorgen über spezifische körperliche Veränderungen und damit einhergehende Funktionseinschränkungen hinzu.

 

Mit welchen spezifischen Fragen müssen sich Betroffene von urologischen Krebsarten auseinandersetzen?

Murpf: Erkrankungsspezifische Themen bei einem Blasenkarzinom sind die Neoblase, sprich, ein Harnblasenersatz oder das Urostoma, also eine künstliche Harnableitung an die Hautoberfläche. Beim Prostatakarzinom hingegen stehen Themen wie Harninkontinenz, Erektions- und Zeugungsunfähigkeit im Vordergrund. Bei einem Nierenzellkarzinom wird die krebsbefallene Niere entfernt, womit die Frage nach der Funktionsfähigkeit der verbleibenden Niere zum Thema wird.

 

Wie gehen Betroffene mit solchen Herausforderungen am besten um?

Murpf: Studien zeigen, dass Ängste deutlich reduziert werden können, wenn man sich gut informiert. Es lohnt sich, sich über die Erkrankung schlau zu machen, bei den Ärztinnen und Ärzten nachzufragen und sich die Antworten zu notieren. Ich empfehle auch die Broschüren der Krebsliga zu den einzelnen Krebserkrankungen. Sie sind sehr informativ. Man sollte sich zudem nicht scheuen, Unterstützung zu holen. Das kann in Form einer Beratung bei der Krebsliga oder eines psychoonkologischen Settings sein. Aber auch Selbsthilfegruppen bzw. der persönliche Austausch unter direkt Betroffenen (Peer-to-Peer) können sehr hilfreich sein. Keine Option ist «Dr. Google». Was man im Internet findet, schürt im schlimmsten Fall nur die Ängste.

 

Urologische Krebsarten befinden sich oft in einem intimen Körperbereich. Was bedeutet das für Betroffene?

Murpf: Nicht selten erhöht dies für die Betroffenen die Schwierigkeit, darüber zu sprechen. Harninkontinenz, Erektionsstörungen sowie Urostomas sind Themen, die oft mit Scham behaftet sind und ungern angesprochen werden. Betroffene sollten prüfen, wie viele Informationen sie gegenüber dem Umfeld preisgeben wollen, damit es für sie stimmt. Ich empfehle, dosiert zu kommunizieren und auch Grenzen zu setzen, wenn man nicht darüber sprechen möchte. Vielen Betroffenen fällt es schwer abzuwägen, wem sie wie viel anvertrauen möchten. In manchen Fällen kann Offenheit das Verständnis gegenüber der eigenen Situation fördern. Zu viele Infos können aber auch verletzlicher machen – das gilt es abzuwägen. Auch für dieses Thema kann man sich Unterstützung suchen.

 

Bei einem Blasenkarzinom kann eine Blasenentfernung notwendig sein. Betroffene tragen nach der OP ein Urostoma. Welche psychologischen Herausforderungen bringt das mit sich?

Murpf: Es handelt sich dabei um einen massiven Eingriff in den Körper, der eine grosse Veränderung des eigenen Körperbilds zur Folge haben kann. Auch Schmerzen können auftreten. Betroffene müssen sich an das neue Erscheinungsbild gewöhnen. Vieles braucht zudem Planung im Vorfeld. Wenn man sich ausser Haus bewegt, benötigt man ein Ersatzset und die Hygienesituation der öffentlichen Toiletten ist miteinzuberechnen. Viele Betroffene sorgen sich auch, dass ihr Urin riechen könnte, was glücklicherweise eine Fehlannahme ist. Ein grosses Thema ist auch die Angst vor Zurückweisung durch den Intimpartner oder die Intimpartnerin. Häufig stellen sich solche Befürchtungen als unbegründet heraus, wenn man das Thema in der Beziehung direkt anspricht. Eine offene Kommunikation mit dem Partner oder der Partnerin ist enorm wichtig, damit es nicht zu einem Teufelskreis von Fehlinterpretationen kommt.

 

Wie können Betroffene mit den körperlichen Veränderungen umgehen?

Murpf: Als erstes ist es wichtig, die Trauer über den erkrankten Körper und die damit einhergehenden Schwierigkeiten zulassen zu dürfen. Oft wird von den Betroffenen sofort verlangt, positiv zu denken, was sie nur noch hilfloser macht. Erfahrungsgemäss lohnt es sich, traurig sein zu dürfen, damit im Anschluss Akzeptanz für den veränderten Körper entstehen kann. Dies muss jedoch nicht von einem Tag auf den anderen stattfinden, das braucht Zeit.

 

Bleiben Intimität und Sexualität nach einer urologischen Krebserkrankung immer noch wichtig?

Murpf: Selbstverständlich. Bindung ist ein Grundbedürfnis der Menschen. Dabei sind Intimität und Sexualität nicht das gleiche. Während man im Moment vielleicht auf die Sexualität verzichten muss, ist Intimität immer möglich. Darüber sollte man mit dem Partner oder der Partnerin sprechen. Als Gesprächshilfe oder Leitfaden bieten sich die Broschüren der Krebsliga zur Sexualität oder psychoonkologische Sitzungen an. Oft schonen sich Erkrankte und nicht Erkrankte in einer Partnerschaft gegenseitig sehr, was kontraproduktiv sein kann. Ein regelmässiger Austausch trägt viel zu einer gesunden Beziehung bei, in welcher die Intimität und nicht nur die Krankheit im Vordergrund steht.

 

Artikel erschienen auf Plattform «Leben mit Krebs»

Autor*in

Journalistin