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Mehr Sicherheit für Kinder

Anja Huber, 24.12.2019
Bei einem Kinder-Unfall wissen die Kindernotfall-Spezialisten vom KSA schnell zu helfen. Doch vorsorgen ist besser als heilen. Tipps von Patrick Haberstich, leitendem Arzt im KSA-Kindernotfall.

Kinder sind neugierig, spontan, voller Tatendrang und unbeschwert. Die kleinen Wirbelwinde stürzen sich übermütig ins Leben, ohne Gedanken an die Folgen ihres Handelns. Blaue Flecken gehören beim Toben dazu. Auch gegen den einen oder anderen Knochenbruch oder eine Gehirnerschütterung durch den Sturz vom Baum oder Velo können Eltern, die ihre Kinder das Leben erkunden lassen, wenig ausrichten. Doch gegen viele Unfälle, die gerade Kleinkindern widerfahren, kann man sich wappnen! Patrick Haberstich, leitender Arzt im Kindernotfall des Kantonsspitals Aarau (KSA), gibt Tipps zur Prävention von Unfällen und erklärt, wie man im Notfall richtig handelt. Ob jung oder alt, die meisten Menschen erleiden ihre Unfälle im Bereich «Haus und Freizeit». Unter allen Nichtberufsunfällen machen diese 53 Prozent aus, so die Beratungsstelle für Unfallverhütung (bfu) in ihrem Status-Bericht 2018. Annähernd ein Viertel (24%) davon betreffen Kinder bis zum Alter von 14 Jahren. «Das grösste Risiko zu verunfallen, tragen jedoch Kinder bis vier Jahre», so Haberstich. Er muss es wissen, ist der KSA-Kindernotfall doch die grösste nichtuniversitäre Station dieser Art in der gesamten Schweiz: Über 26 500 Kinder wurden hier 2018 von Haberstich und seinem Team behandelt. «85 bis 90 Prozent aller verunfallten Kinder kommen wieder gut», beruhigt der Arzt. «Dennoch ist uns die Unfall-Prävention eine Herzensangelegenheit, in der wir Eltern oder Fachpersonenin Kitas gerne in Vorträgen, aber auch persönlich schulen.»

«Kleine verschlucken oft Kleines»

Kinder ab zirka vier Monaten bis zwei oder drei Jahre erkunden ihre Welt, indem sie möglichst viel in den Mund stecken. «Durch diese orale Phase liegt das Verschlucken von Gegenständen – medizinisch als Fremdkörperingestion bezeichnet – bei unseren kleinsten Patienten ganz vorne auf der Liste der Unfallgeschehen», sagt Haberstich. Kleine Teilchen wie Knöpfe, Münzen, Reisnadeln, Büroklammern, Ringe, Ohrringe, Murmeln, Medikamente und Co. gehören deshalb ausser Reichweite von kleinen Kindern gelagert! «Was in der oralen Phase rumliegt, wird automatisch ausprobiert», warnt der Kinderarzt. «Besonders gefährlich ist natürlich das Verschlucken von spitzen Gegenstände wie Zahnstocher, Ohrringen oder Reisnägeln. Dann sollten Eltern sofort die 144 wählen oder mit ihrem Kind den Notfall aufsuchen », mahnt Haberstich.

Auch Knopfbatterien und Magnete können zu ernsten Verletzungen im Körperinneren führen und müssen deshalb spätestens innert zweier Stunden nach dem Verschlucken ärztlich entfernt werden. «Denn durch Schleim in unserem Verdauungstrakt bildet sich ein Stromkreis um die Knopfbatterie, was zu schweren Verbrennungsschäden und Folgeinfektionen führen kann», erklärt der Leiter des KSA-Kindernotfalls. «Und hat ein Kind mehrere kleine Magnete verschluckt, können sich diese gegenseitig anziehen, so Strukturen im Magen-Darm-Trakt abklemmen und beispielsweise Darmbrüche auslösen. Verschluckte Knopfbatterien
und Magnete sind lebensgefährlich und gehören umgehend entfernt!» Leichte Entwarnung gibt Haberstich bei allem Runden, was Kinder verschlucken: «Den Grenzwert zum sofortigen medizinischen Eingreifen ziehen wir bei 2,5 Zentimeter Objektdurchmesser, das entspricht etwa der Grösse einer Ein-Franken-Münze. Solch ein verschluckter Fremdkörper hat gute Chancen den Magen-Darm-Trakt zu passieren und dabei keine Schäden anzurichten. Allerdings sollten Eltern nach einem solchen Ereignis stets den Kot des Kindes bis zur kompletten Fremdkörperausscheidung kontrollieren.»

Erste Hilfe bei Verbrennungen

Der Haushalt ist voll von interessanten Dingen, die man im Entdeckungsalter zwischen zwei und vier Jahren erforschen will: Was dampft da in der Tasse? Passt die Gabel in die Steckdose? Verbrennungen und besonders Verbrühungen gehören ebenfalls zu den häufigsten Unfällen im Kindesalter. Das Ausmass der Verletzung ist abhängig von der Art des heissen Stoffes, seiner Temperatur und Einwirkungsdauer. «Siedendes Wasser hat eine Temperatur von rund 100 °C, aber schon 54 °C
heisses Wasser schädigt die Haut, besonders bei Kindern, deren Haut im Vergleich zu Erwachsenen deutlich dünner ist. 54 °C heisses Wasser kann innert zehn Sekunden bei einem Kleinkind zu einer Verbrühung Grad III führen; bei Erwachsenen dauert das 30 Sekunden», erläutert Haberstich. «Schon Verbrennungen 2. Grades gehen mit einer Blasenbildung einher und gehören immer in Arzthand!» Verbrennungen 3. Grades sind noch schlimmer: Sie reichen bis hin zum Verlust von Gewebe und Nervenschädigung.

Also: Heisse Gefahrenquellen aus dem Weg räumen! Ist es dennoch passiert, die Verbrühung oder Verbrennung sofort rund 15 Minuten mit lauwarmen Wasser kühlen. Auf keinen Fall Eiswasser verwenden, sonst droht das verletzte Gewebe zusätzlich zu unterkühlen. «Entspricht die Verletzung rund einem Prozent der Körperoberfläche, was etwa der Grösse unserer Handfläche entspricht, sollte man sie immer einem Arzt zeigen», appelliert Haberstich. Dasselbe gelte bei Verbrennungen im Gesicht oder Intimbereich.

Gefahr durch Sommerhitze

Auch die Sommerhitze sollten Eltern als Gefahrenquelle für ihr Kind nicht unterschätzen: «Ein Hitzschlag ist potenziell tödlich», warnt Haberstich. Kleinkinder bis zu einem Jahr daher niemals der direkten Sonne aussetzen. Neben Schatten bietet sonnengerechte Kleidung von Kopf bis Fuss den wirksamsten Schutz. Geht es bald mit dem Auto in die Ferien: frühmorgens oder nachts starten und während der heissesten Tageszeit Pause machen. «Ist es draussen 25 Grad, steigt die Temperatur im Auto ohne Klima innert 30 Minuten auf über 40 Grad», weiss Haberstich. «Daher ist es grob fahrlässig, kleine Kinder im Sommer auch nur ein paar Minuten im parkenden Fahrzeug zu lassen.» Ausserdem sei der Flüssigkeitsbedarf von Kindern proportional höher als der von Erwachsenen: «Nicht warten, bis ein Kind mit hochrotem Kopf und Durst in der Badi nach Trinken fragt, sondern ihm das Trinken nachtragen. Am besten sollten Kinder bei Hitze alle halbe Stunde etwas trinken», rät der erfahrene KSA-Kinderarzt.

KSA Absender icon«Keine kleinen Erwachsenen»

haberstich

Patrick Haberstich leitet die Kindernotfall-Station am Kantonsspital Aarau (KSA).

Herr Haberstich, warum sind Kinder so «draufgängerisch»?
Kleinkinder haben in den ersten Lebensjahren noch kein direktes Gefahrenbewusstsein. Mit allen Sinnen entdecken sie die Umwelt. Erst im Kita-Alter entwickeln sie ein akutes Gefahrenbewusstsein: «Der Topf ist heiss, ich darf ihn nicht anfassen.» Im Grundschulalter wird das Gefahrenbewusstsein langsam vorausschauend: «Der Topf auf dem Herd könnte heiss sein und ich könnte mich daran verbrennen.» Erst ab zirka zehn Jahren bildet sich auch das präventive Gefahrenbewusstsein aus: «Bevor ich den heissen Topf anfasse, nehme ich die Topflappen, damit ich mich nicht verbrenne.»

Können Eltern auf die Ausbildung des Gefahrenbewusstsein Einfluss nehmen?
Ja, es ist auch ihre Aufgabe dieses Bewusstsein bei ihren Kindern zu schärfen: Gerade kleine Kinder muss man immer wieder darauf hinweisen, was gefährlich werden kann. Den Umgang mit heissen Herdplatten, Töpfen, Kerzen oder Grill muss man erlernen. Ebenso, welche Pflanzen im Garten giftig sind. Das muss man dem Kind zeigen und altersgemäss erklären. Ausserdem muss man Vorbild sein: Nicht schnell noch über die Strasse rennen, obwohl sich schon ein Auto nähert. Oder bei Sonne Kopfbedeckung tragen und auf dem Velo einen Helm. Das Verschlucken von Gegenständen ist ein häufiges Unfallgeschehen bei den ganz Kleinen.

Was, wenn ich als Mutter oder Vater das nicht direkt mitbekomme – gibt es Warnzeichen?
Wenn ein Kind fest hustet oder um Luft ringt, liegt ein Verdacht auf Aspiration vor. Dann rasch fünf kräftige Schläge zwischen die Schulterblätter durchführen respektive bei grösseren Kindern das Heimlich-Manöver zum Rauskatapultieren von Fremdkörpern anwenden. Bei Kindern bis ein Jahr führt man nach den Rückenschlägen zusätzlich fünf Toraxkompressionen aus. Das ist wichtig zu wissen, da man sonst Milz und Leber des Babys verletzen könnte! Daher rate ich Eltern, sich in Erster Hilfe speziell für Kinder zu schulen. Kinder sind keine kleinen Erwachsenen und es gibt vieles, was man als Eltern und Erzieher zu ihrem Schutz beitragen kann. Rund 60 Prozentder Unfälle im Kindesalter liessen sich verhindern!

Autor

Aargauer Zeitung