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Ralph Schröder, 28.03.2019

Volles Rohr – die Rohrpost-Anlage des KSA

Das unsichtbare aber essenzielle Transportsystem gewährleistet die schnelle Verfügbarkeit von Probenanalysen und wichtigen Dokumenten. Doch wie funktioniert sie und welche Dimensionen nimmt sie ein?

Was für den menschlichen Organismus der Blutkreislauf, das ist, um einen analogen Vergleich zu bemühen, die Rohrpostanlage für ein funktionierendes Spital. Die Analogie könnte nicht treffender sein, zumal Blut eines der wichtigsten Transportgüter im spitalweiten Rohrpostsystem darstellt. Aber das allein ist es nicht. Die Analogie reicht viel weiter. Der menschliche Blutkreislauf, der für den Transport von sauerstoffgesättigtem Blut zu den Organen und sämtlichen Körperteilen sorgt, ist überlebensnotwendig. Auch die Rohrpost ist für das Spital eine wichtige Lebensader, die im Ernstfall Leben rettet respektive bei einem Funktionsausfall gar Überleben gefährden kann. Die Geschwindigkeit, mit der wichtige Kleingüter wie Proben per Rohrpost barrierefrei von A nach B versendet werden können, ist denn auch das unschlagbare Kriterium für dieses autonome Transportsystem, auf das kein modernes und grösseres Spital verzichten kann. Mit einer Durchschnittsgeschwindigkeit von circa 6 Metern pro Sekunde (ca. 20–25 km/h) gelangen mit der Rohrpost Kleinstsendungen arealweit in nur wenigen Minuten vom Sender zum gewünschten Empfänger. Das schafft der schnellste interne Postbote nicht. 

Das unsichtbare Transportsystem

Über das weitverzweigte Rohrpostsystem im KSA wird rund um die Uhr lebenswichtiges, für die Diagnose und die Behandlung bedeutsames und notwendiges physisches Datenmaterial in Form von Proben (Blut- und Stuhlproben, Sekrete und Gewebematerial) oder wichtige, nicht (oder noch nicht) digitalisierbare Dokumente versendet. Das Rohrpostsystem verbindet physisch so wichtige,  aufeinander angewiesene Stationen im Spital wie den Notfall, das Labor, die OP und die Intensivstationen, die Pathologie sowie sämtliche Pflegestationen, aber auch alle übrigen in den Behandlungsprozess involvierten Abteilungen auf dem gesamten Areal. Ein Komplettausfall des Transportsystems Rohrpost würde den Spitalbetrieb augenblicklich lahmlegen.

Wie der menschliche Blutkreislauf ist das Rohrpostsystem des Spitals äusserlich kaum sichtbar, das weitverzweigte Rohrpostnetz verbirgt sich grösstenteils in den Versorgungskanälen der einzelnen Häuser und in den unterirdischen Verbindungstunneln des Areals. Doch die Dimensionen der Rohrpost sind gewaltig und beeindruckend: Rund 11 Kilometer beträgt die gesamte Länge der Rohrpostleitungen der Hauptanlage, die praktisch jedes im Behandlungsprozess involvierte Gebäude auf dem Areal miteinander verbindet. 92 Rohrpoststationen sind in diesem Transportsystem miteinander verbunden. Täglich werden rund 2500 Transporte getätigt, das macht rund 60 000 pro Monat. Rund 500 sogenannte Transportbüchsen (auch Bomben genannt) sind dauernd im Einsatz.

Hauptanlage

  • 11 Kilometer Länge
  • 60'000 Sendungen pro Monat
  • 500 Transportbüchsen im Dauereinsatz
  • arealweit
  • 92 Rohrpoststationen

Notfallanlage

  • 400 m Länge (Notfallanlage)
  • 9'000 Sendungen pro Monat
  • autonome Anlage in Haus 1 für besonders dringliche Sendungen
  • 5 Rohrpoststationen (Notfall, OP-Leitstelle, Intensivstationen)

Darüber hinaus existiert im Haus 1 eine zweite, autonome, weitaus kürzere, direktere Rohrpostanlage, die lediglich den Notfall, das Labor, die OP-Leitstelle sowie die beiden Intensivstationen miteinander verbindet. Sie wird für besonders dringliche Sendungen eingesetzt. Gleichzeitig stellt sie im Falle eines Ausfalls der Hauptanlage den schnellen Transport zwischen den wichtigsten Nutzern im Spital sicher. Auch auf dieser mit 400 Metern verhältnismässig kurzen Anlage werden monatlich weitere 9000 Sendungen transportiert.

Funktionsweise der Rohrpost

Doch wie funktioniert die Rohrpost eigentlich und wie gelangen die einzelnen Transportbüchsen samt Inhalt von einer Station zur anderen, von einem Haus in ein anderes? Von Haus 40 am äussersten Rand des Areals ins Labor in Haus 1 z. B. oder von Haus 8 (Frauenklinik) in die Pathologie (Haus 19)?

Das physikalische Prinzip der Anlage ist im Grunde sehr simpel. Mithilfe eines elektrisch betriebenen Gebläses am einen Ende des Rohrsystems wird wie bei einem Staubsauger ein Luftsog (Unterdruck) im Rohr erzeugt, welches den zylinderförmigen Transportbehälter (Büchse) ansaugt. Der im Durchmesser nur geringfügig kleinere und mit zwei Dichtungsringen an seinem jeweiligen Ende versehene Transportbehälter gleitet im so erzeugten Vakuum durch die Röhre. Die Kurvenradien, welche die Leitungen haben dürfen, ergeben sich aus der Länge der Transportbüchsen und ihrer Taillierung.

 

Infobox: Geschichte der RohrpostGeschichte der Rohrpost

Alte Technik. Erste theoretische und experimentelle Überlegungen zur Rohrpost sollen bereits in der Antike (Heron von Alexandria 1. Jh. v. Chr.) gemacht worden sein. Der dänische Ingenieur George Medhurst (1759–1827) hat in diversen Veröffentlichungen um 1810 vorgeschlagen, Luft aus einer eisernen Röhre abzupumpen, um so durch den erreichten Druckunterschied eine entsprechende Triebkraft zu erzielen; er gilt daher als Erfinder der pneumatischen Rohrpost. Eine erste Rohrpost-Versuchsstrecke errichtete der Franzose Abbé Moigno 1852. Die erste Rohrpost wurde 1853 von Josiah Latimer Clark in London gebaut (ca. 200 m),es folgten weitere städtische Rohrpostnetze in Europa; Wien, Paris, Glasgow, Liverpool, Prag, Triest, Florenz, Rom u. v. a. m. Die Rohrpost in Wien mit 82,5 km Rohrlänge und 53 Postämtern war noch bis 1956 in Betrieb. Selbst der Personentransport mittels pneumatischem Antriebssystem wurde erwogen und auch realisiert (New York, 1867), konnte sich jedoch nicht gegen das System U-Bahn durchsetzen.

Heute werden Rohrpostanlagen neben Spitälern in Banken oder in grossen Industrieanlagen, seltener in grossen Warenhäusern eingesetzt.

Das Liniennetz

Was so einfach klingt und für eine kurze und gerade Strecke von A nach B noch nachvollziehbar ist (wenn man an das Prinzip Staubsauger denkt), wird komplizierter, sobald man sich den Rohrtransport von einem Haus ins andere vorzustellen versucht. Wie sind die Leitungen miteinander verbunden? Wie werden die Weichen gestellt? Jede durchgängige Rohrleitung zu den einzelnen Häusern bildet eine separate Linie. Sämtliche Linien zusammen bilden ein Streckennetz, das mit einem Tramliniennetz in grösseren Städten vergleichbar ist (vgl. dazu auch Grafik unten). Im KSA existieren insgesamt 29 unterschiedlich
lange Linien. Die Mehrheit dieser Linien führt über die Versorgungs- und Transportkanäle des Areals in die Leitungszentrale im 1. Untergeschoss
von Haus 1, wo über einen sogenannten Verschiebewagen das «Umsteigen» der Transportbüchsen von einer Linie auf eine andere erfolgt (siehe Foto S. 6 oben). Jede auf einer Station aufgegebene Transportbüchse gelangt also zunächst auf einer bestimmten Linie in die Leitungszentrale ins Haus 1, wo sie dann umgesetzt und auf die entsprechende Linie, die zum gewünschten Empfänger führt, weiterversendet wird.

Die Steuerung

Das gesamte System wird dabei elektronisch gesteuert, d. h. sowohl die in sämtlichen Häusern befindlichen einzelnen Gebläse (Verdichter), die den Unterdruck auf den jeweiligen Teilstrecken erzeugen, als auch die Weichen auf der Strecke sowie die Sende- bzw. Empfängerstationen. Jede einzelne Transportbüchse der Hauptanlage ist mit einem sogenannten Transponder ausgerüstet, der die elektronische Identifikation des Behälters ermöglicht. Die Transportbüchse wird in der Aufgabestation zunächst eingelesen. Danach gibt der Versender per Nummernwahl den gewünschten Zielort ein. Das System erkennt den Standort des Behälters, stellt die entsprechenden Weichen und aktiviert nach Freigabe der Linie das entsprechende Gebläse. Die Büchse wird darauf in die Leitungszentrale transportiert und dort auf die Linie, die zum Empfänger führt, umgesetzt und weitergeschickt. Jede Rohrpoststation hat sowohl eine Empfangs- als auch Sendestation. Jede Transportbüchse wird im Zielgebäude zunächst über eine aufsteigende Rohrleitung nach oben befördert, bevor sie über einen Kurvenbogen die Richtung ändert und danach die einzelnen Rohrpoststationen in den unteren Stockwerken erreicht. Die Rohrpoststationen sind in den Gebäuden jeweils untereinander angeordnet und funktionieren als Empfangsstationen wie einzelne Weichen. Erreicht die Büchse ihr Ziel, wird sie ausgeschleust und fällt über das offene Rohr in einen Korb. Während der Fahrt einer Büchse, bleibt die Linie für andere Büchsen gesperrt. Nach der Ausschleusung wird die Linie über ein Signal wieder freigegeben. Letzteres erklärt die Wartezeit, die manchmal vor dem Versenden einer Transportbüchse entstehen kann. Eine Büchse kann erst ins System eingespeist werden, wenn die Linie zuvor freigegeben wurde. Auf jeder Sende-, aber auch Empfängerstrecke kann immer nur eine Büchse «fahren».

Die Wartung

Trotz ihres Alters – die Rohrpostanlage ist über 40 Jahre alt – leistet das System nach wie vor Beachtliches. Dies auch dank der grossen Erfahrung des Rohrpost-Wartungsteams von der Betriebstechnik rund um Adrian Wey. Das Team hält die Anlage rund um die Uhr am Laufen. Störungen sind bei einem solch komplexen System natürlich unvermeidbar. Am häufigsten sind dabei durch Stau von Transportbüchsen verursachte Störungen. Werden die Büchsen in
einer Empfängerstation nicht regelmässig entnommen, kann es zu einem Rückstau kommen, was automatisch zu einer Sperrung der Linie führt. Eher selten sind Verstopfungen unterwegs, meist verursacht durch Gegenstände, die nicht ins Rohr gehören. Im Übrigen: Falsch «adressierte» oder nicht identifzierbare Büchsen gelangen in der «sogenannten» Freifahrt stets ins Labor, dem mit Abstand meist angewählten Empfänger von Rohrpost. Letztmals erweitert wurde die Anlage 2016 durch den Erweiterungsbau von Haus 4 sowie das zusätzliche Gebäude Haus 60, was beweist, wie wichtig die Rohrpost für das Spital nach wie vor ist. Auch im geplanten Neubau ist eine neue Rohrpostanlage vorgesehen. Das System hat seit seiner Erfindung vor rund 150 Jahren kaum an Faszination verloren.

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Autor

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Redaktor/Stv. Mediensprecher

Nach langjähriger Tätigkeit als Lehrer, Korrektor, Redaktor und Verlagsleiter ist Ralph Schröder seit 2011 ein engagierter und bedachter Texter für das KSA, der es jederzeit versteht, dem geschriebenen Wort Verständnis und Sinn einzuimpfen.